Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Wie üblich will ich in der fremden Kirche eine Kerze aufstellen und kurz beten. Bei dem Preisschild für die Kerze stoße ich auf folgende Notiz: Wer Geld hat, zahlt bitte pro Kerze 50 Cent. Wer kein Geld hat, kann auch eine Kerze aufstellen ohne zu bezahlen.
Diese Worte freuen mich. So stelle ich mir Kirche vor: Nicht aus allem Geld machen, nicht jedem Cent hinterherlaufen. Auch nicht alles kontrollieren, sondern darauf vertrauen, dass die Menschen schon richtig mit dem Angebot umgehen und es nicht missbrauchen.
Und das gilt nicht nur für eine kleine Kerze. Suppenküchen für Obdachlose, Beratung für überschuldete Menschen und vieles mehr gibt es bei den Kirchen kostenlos. Und nicht zu vergessen: Unermüdlich bieten die Kirchen Gottesdienste an. Dort können Menschen danken und bitten, auch klagen. Sie können Gott begegnen und sich geistlich erholen. Und immer kostenlos, nicht nur für Kirchensteuerzahler.
Wegen der durchaus berechtigten Vorwürfe gegen die Kirchen wird oft vergessen, dass sie gerade in unserer durchkommerzialisierten Welt eine ganz wichtige Funktion erfüllen: Sie zeigen, dass Existentielles nicht käuflich sind – aber auch nicht gekauft werden muss. Versöhnung und Vergebung, Dank und Bitte, Lobpreis und geistliche Begegnung haben eben keinen Preis, sondern stehen für alle offen. Natürlich muss das alles auch irgendwie bezahlt werden. Aber ein Soziologe hat es mal auf den Punkt gebracht: Die Kirche ist die einzige Organisation, die zum Vorteil derer existieren soll, die nicht ihre Mitglieder sind. Kirchensteuerzahlerinnen und -zahler halten für alle einen Raum offen, in dem nicht zählt, was man zahlt. Das gelingt den Kirchen nicht immer. Aber wo es ihnen gelingt, kommen sie ihrer eigentlichen Berufung nach. Und sei es nur mit einer kleinen Kerze.
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