Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Dieser Satz des ehemaligen Staatspräsidenten Gorbatschow ist zum geflügelten Wort geworden. Einfach weil es in vielen Fällen stimmt. Wer im Theater, beim Bus oder Flugzeug zu spät kommt, den bestraft das Leben sofort: Er geht leer aus, kommt nicht rein und kommt nicht mit. Das gilt auch für die Politik oder existentielle Dinge: Angeblich begegnen wir in unserem Leben durchschnittlich nur drei Personen, die als langfristige Partnerin oder Partner in Betracht kommen. Wer zu lange wartet, die Gelegenheiten verpasst, für den ist es vielleicht irgendwann zu spät. Also wollen wir uns sputen und allzeit wachsam sein, auch wenn es anstrengend ist.
Die Bibel erzählt die Geschichte von Thomas, der auch zu spät kommt: Jesus ist auferstanden und erscheint seinen Jüngern. Die sind begeistert, dass ihr Herr lebt, und sie können wieder an ihn glauben. Nur einer fehlt: Thomas. Er war zu spät, kam erst dazu, als alles rum war. Die anderen Jünger erzählen ihm freudig von ihrer Begegnung mit Christus. Aber Thomas glaubt ihnen nicht. Er will nur seinen eigenen Augen, seiner eigenen Erfahrung vertrauen. Damit könnte die Geschichte zu Ende sein. Die einen haben den lebendigen Christus gesehen und glauben an ihn, der andere hatte Pech, war zu spät und ist raus. Doch die biblische Geschichte geht weiter: Jesus erscheint noch einmal und wendet sich eigens dem Thomas zu. Der ist beeindruckt, ja überwältigt von der Begegnung mit dem Auferstandenen und findet wie die anderen zum Glauben.
Diese Geschichte handelt von Thomas, noch mehr aber von Gott. Gott hält sich nicht an den Satz von Gorbatschow, er bestraft nicht die, die zu spät kommen. Er lässt sie nicht hängen, unternimmt einen zweiten Versuch und wahrscheinlich auch noch weitere. Niemand muss zu sich sagen: Ich habe die Gelegenheit verpasst, mit Gott ins Reine zu kommen oder eine Beziehung zu ihm zu suchen. Denn um Gott zu begegnen ist es im Leben nie zu spät.
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