Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Das Osterfest ist jetzt zwar vorbei – aber: Wenn man eine Kirche betritt, dann ist Ostern trotzdem noch da – eigentlich immer! Und das liegt tatsächlich einfach – am Gebäude selbst. Die allermeisten Kirchen sind nämlich nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Und fast immer zeigt der Chorraum, also der Bereich, in dem innen der Altar steht, nach Osten – und das ist kein Zufall: Imim Osten geht die Sonne auf. Von da kommt das Licht und beginnt jeder neue Tag.
Ich bin ja eher keine Frühaufsteherin. Aber wenn es sich ergibt, und ich den Tag in einer Kirche mit großen und bunten Fenstern beginne, dann sehe ich, wie sie regelrecht anfangen, zu predigen: wenn ein neuer Morgen die Fenster zum Leuchten bringt, und die ihre Farben über die Mauern und Wände tanzen lassen, dann erzählen sie von Ostern. Von dem Morgen, an dem Jesus auferstanden ist, dem Tod seine Macht einfach weggenommen hat. Und das Leben ganz neu beginnt.
Die bunten Fenster erzählen von Hoffnung. Genau wie eine Pfarrerin im Gottesdienst, oder wie der Organist mit seiner Musik an der Orgel. Und das Licht vertreibt ja nicht einfach nur die Nacht. Es vertreibt auch die trüben Gedanken, die mich abends und nachts manchmal plagen – bis hinein in meine Träume. Viele Menschen kennen dieses Gefühl. Wie schön ist es dann, wenn es endlich hell wird, und wenn der neue Tag einen herausreißt aus der Gedankenmühle. Den Kopf heben nach der langen Nacht, durchatmen und in einen neuen, frischen Tag starten – in eine neue Zeit.
Wenn ein neuer Tag anbricht, dann ist das manchmal wie eine Erlösung – natürlich auch, wenn man morgens zu Hause ganz normal aufsteht und nicht gerade in einer Kirche ist. Aber jede Kirche erzählt davon. Wie es ist, wenn das Licht aus dem Osten Erlösung bringt von den Schrecken einer langen, dunklen Nacht.
In einer Kirche ist Ostern deshalb eigentlich nie vorbei. Denn sogar mit ihren Steinen ihrem Fensterglas will sie Mut machen. Und Hoffnung verbreiten: Hoffnung, dass jede Nacht einmal endet – und sei sie noch so finster – und ein neuer Tag anbricht und eine neue Zeit.
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