SWR Kultur Lied zum Feiertag/Zum Feiertag
Musik: Colors of Bach, Intro
Es gibt Melodien, die gehen mir nicht aus dem Kopf. Für mich gehört diese dazu. Sie ist traurig und tröstlich zugleich.
Musik: Colors of Bach, Choral
„O, Haupt voll Blut und Wunden“. Ein Lied, das mir zu Herzen geht. Und unter die Haut. Kein Wunder, war es doch, bevor es zu einem Kirchenchoral wurde, ein Liebeslied.
Heute, am Karfreitag, erzählt es von einer Liebe, die mit dem Tod nicht zu Ende war. Die weitergeht. Es erzählt von einem Schmerzensweg, den einer alleine gegangen ist. Und es erklingt heute für alle, die auf ihrem Schmerzensweg unterwegs sind.
Musik: J.S.B. Matthäuspassion
O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
O Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron’...
In der Geschichte des Jesus von Nazareth, von dessen Passion in diesem Choral die Rede ist, gehören Liebe und Tod untrennbar zusammen. Seine grenzenlose Liebe zu den Menschen. Und sein Verzicht, mit Gewalt zu reagieren, wo seine Liebe nicht erwidert wird. Unvergessen darum seine Geschichte am heutigen Karfreitag. Von einem, der ausgebrochen ist aus der tödlichen Spirale von Schlag und Gegenschlag. Von Gewalt und Gegengewalt.
O Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr’ und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
Gegrüßet sei’st du mir!
Erzählt wird eine Passionsgeschichte. Passion, das heißt aber nicht: Verklärung des Todes. Sondern: Leidenschaft für das Leben. In einer Welt, die seit je von der Macht und den Mitteln der Mächtigen fasziniert ist.
Jenseits aller Verklärung beschreibt der Dichter des Liedes, Paul Gerhard, die Brutalität einer Kreuzigung. Schreibt von „Blut und Wunden“, von „Schmerzen und Hohn“, von Schimpf und Schande. Und eben auch davon, wozu Menschen fähig sind, wenn sie das Kommando dazu bekommen.
Musik: Colors of Bach, Choral
Du edles Angesichte,
davor sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte,
wie bist du so bespeit,
wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet,
so schändlich zugericht’?
Wohin das führt, wenn die Würde des Menschen mit Füssen getreten wird, wird hier beschrieben! Paul Gerhardt findet während des Dreißigjährigen Krieges Worte für Grausamkeiten, die keine Vergangenheit zu kennen scheinen. Weil sie so bedrängend aktuell sind.
Aber es geht in diesem Choral nicht nur um Passion, sondern auch um Compassion. Um Mitleiden. Wer einstimmt in diese Melodie, bleibt nicht unbeteiligt am Rande des Geschehens stehen. Sondern identifiziert sich mit dem Leid des Opfers.
Musik: Colors of Bach, Choral
Ich will hier bei dir stehen,
Verachte mich doch nicht!
Von dir will ich nicht gehen,
wenn dir dein Herze bricht.
Wenn dein Haupt wird erblassen
im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen
in meinen Arm und Schoß.
Der Weg des Friedenskönigs Jesus von Nazareth endet nicht zufällig am Kreuz. Es scheint voll innerer Notwendigkeit, dass der, der den Frieden bringt, ja ihn verkörpert, dass genau der zwischen alle Stühle gerät. Und zerrieben wird zwischen den Fronten.
Johann Sebastian Bach meint, dass ihm dieses Schicksal schon in die Wiege gelegt ist. Und bringt das auch musikalisch zum Ausdruck. Kunstvoll und beziehungsreich lässt er den alten Passionschoral schon in seinem Weihnachtsoratorium erklingen.
Musik: J.S.B. Weihnachtsoratorium
Wie soll ich dich empfangen
und wie begegn' ich dir,
o aller Welt Verlangen,
o meiner Seelen Zier?
Ich finde, ganz gleich ob zur Weihnachtszeit oder zur Passionszeit, kann einen dieser Choral durchs Leben begleiten. Und das ist wohl der Grund, warum er - weit über die Barockzeit hinaus - Menschen immer wieder angerührt hat.
In der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung des letzten Jahrhunderts hat das Lied neue Aktualität gewonnen. Und wieder daran erinnert, dass Menschen nicht gemacht sind, einander zu Feinden zu werden.
Darum zum Schluss die Version des Trios Peter, Paul and Mary. Bei ihnen heißt es: „Alle Menschen sind Brüder und Schwestern. Die Ängste meines Bruders sind auch meine Ängste. Und seine Tränen sind auch meine Tränen – egal ob gelb, weiß oder braun.“
Ein altes Liebeslied, in dem ich spüre, dass in ihm die Leidenschaft für ein anderes, ein mitmenschliches Leben brennt.
Musik: Peter, Paul, Mary
My brothers are all others forever hand in hand
Where chimes the bell of freedom there is my native land
My brother′s fears are my fears yellow white or brown
My brother's tears are my tears the whole wide world around.
Let every voice be thunder, let every heart beat strong
Until all tyrants perish our work shall not be done
Let not our memories fail us the lost year shall be found
Let slavery′s chains be broken the whole wide world around
Ein gesegnetes Osterfest wünscht Ihnen Klaus Nagorni aus Karlsruhe von der evangelischen Kirche
***
Colors of Bach, Befiel du deine Wege, Variation, Arr. For Violon & String Quintet
Matthäus-Passion BWV 244, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart
Weihnachtsoratorium, BWV 248, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart
See what tomorrow brings. Peter, Paul and Mary, “Because all men are brothers”
