SWR4 Abendgedanken
Ich war kein einziges Mal an ihrem Grab, bis heute nicht. Meine Freundin Susi ist vor über 20 Jahren gestorben. Es war für mich das erste Mal, dass ich erlebt habe, wie ein Mensch, den ich gut kannte, von heute auf morgen aus meinem Leben verschwunden ist. Einfach weg war. Wir hatten viele Jahre eine ziemlich intensive Zeit miteinander, nicht nur Susi und ich, sondern unsere ganze Gruppe: Wir haben Jugendarbeit gemacht in unserer Kirchengemeinde und haben jeden Sommer ein großes Zeltlager auf die Beine gestellt. Wir waren zusammen unterwegs auf Festen und oft mit dabei, wenn Susi gesungen hat. Mit ihrer Band und ihrem Chor. Sie hatte eine grandiose Stimme! Ich habe sie heute noch im Ohr.
Als ich geheiratet habe, hat Susi mir einen Wunsch erfüllt: In der Kirche hat sie eines meiner Lieblingslieder gesungen, „Where peaceful waters flow“, einen Song von Chris de Burgh. Der erzählt von der Suche nach jenem Ort, an dem das eigene Herz Frieden findet. Keine zwei Jahre später ist Susi gestorben.
Es ist noch gar nicht so lange her, da hab ich mich gefragt: Hab ich eigentlich jemals getrauert nach Susis Tod? Weil ich eben nie am Grab war, weil ich ihren Todestag schon bald nicht mehr wusste. Weil ich mit meinem Leben einfach weitergemacht habe. Unsere Gruppe hatte sich damals nach und nach zerstreut, bei den meisten stand für die nächsten Jahre dann das Familienleben im Mittelpunkt.
Nachdem meine Kinder auf der Welt waren, hab ich dasselbe getan, wie wahrscheinlich sehr viele Mütter vor und nach mir: Ich habe versucht, die Kinder in den Schlaf zu singen. Und bei jedem Kind war es ein anderes Lied. Warum es jeweils genau dieses bestimmte Lied war, kann ich nicht mehr sagen. Dem zweiten Kind, meiner Tochter, habe ich jedenfalls den Song zum Einschlafen gesungen, den Susi damals bei der Hochzeit gesungen hat. Ich kann ihn noch immer auswendig.
Heute bin ich mir sicher, es war nicht nur die wunderbare Melodie und der schöne Text von der Liebe und vom Frieden im Herzen. Ich glaube, dieser Song hat mich jedes Mal, unbewusst, an Susi erinnert. Und daher denke ich: Ja, ich habe getrauert, aber so ganz anders, als ich mir trauern immer vorgestellt hatte. Deshalb bin ich so lange nicht draufgekommen. Aber so, wie es war, ist es für mich gut gewesen.
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