SWR4 Abendgedanken

09APR2026
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Bei uns im Wohnzimmer steht eine große Ente mit Rädern. Sie ist aus Holz, schwarz-gelb gestreift und bestimmt 10 Kilo schwer. Das ist eine Tigerente, so eine, wie sie der Künstler Janosch erfunden hat. Das besondere an meiner Ente: Sie ist ein Unikat, mein Bruder hat sie selbst gebaut und lackiert und mir zum 18. Geburtstag geschenkt. Das ist inzwischen schon eine Weile her. Seitdem ist die Tigerente mit mir unterwegs und hat schon ne Menge Umzüge mitgemacht. Sie ist für mich nicht nur ein symbolisches Stück Jugend, das ich mit meinem Bruder teile. Sie steht für ein Lebensgefühl. Und das hat viel mit Janosch zu tun, mit seinen Geschichten, die so leicht und verspielt daherkommen, fast kindlich. Und gleichzeitig eine große Tiefe haben.

Janosch ist vor kurzem 95 Jahre alt geworden. Ich mag seine Bilder, die einfachen, oft witzigen, bunten Szenen. Mit dem kleinen Bären, dem kleinen Tiger, dem Frosch und natürlich der Tigerente. Hinter all dem steckt allerdings keine leichte Lebensgeschichte. Janosch hat schlimme Dinge erlebt: Gewalt in der Familie, Demütigungen, auch durch die Kirche. Er ist gescheitert, wurde von der Kunstakademie abgelehnt. Und hatte lange Alkoholprobleme.

Wenn ich seine Bilder anschaue und die Geschichten lese, dann habe ich das Gefühl: Sie trotzen all den schlechten Erfahrungen, da gibt etwas in ihm, das nicht beschädigt wurde. Irgendeine Kraft, eine Liebe und Neugier. Wie sonst könnte er mit so viel Fantasie und mit so viel Sehnsucht vom Leben erzählen?

So wie in „Oh, wie schön ist Panama“.  Meine Lieblingsgeschichte von Janosch. Darin machen sich der kleine Bär und der kleine Tiger auf den Weg. Sie wollen das Land ihrer Träume finden; weil sie sich nach etwas sehnen, das anders und größer ist als das, was sie kennen. Unterwegs treffen sie andere, sie verlaufen sich, sie probieren Dinge aus.

Diese Art Sehnsucht, diese Unruhe aufzubrechen, die kenne ich auch. Und ich spüre dabei: da fehlt noch was. Und manchmal denke ich, dass diese Sehnsucht auch mit Gott zu tun hat. Es ist die Sehnsucht, das alles gut und heil wird, dass ich am Ende bei ihm aufgehoben bin.

Der Bär und der Tiger jedenfalls landen am Ende ihrer Reise, ohne es zu merken, wieder zuhause. Und stellen fest: Es ist gut hier, da gefällt’s uns.

Meine Tigerente wird mich weiter begleiten. Ich werde sicher noch einige Male aufbrechen und umziehen. Und dann ist es gut, wenn die Ente mich bei aller Sehnsucht daran erinnert: Ich muss gar nicht unbedingt woanders suchen. Da wo ich bin, ist es auch gut. Weil das Land meiner Träume letztlich in mir selbst liegt.

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