SWR4 Abendgedanken
Einiges, was mich im vergangenen Jahr belastet hat, hat sich in Rauch aufgelöst und ist jetzt nur noch Asche. Letzten Sommer war ich nämlich zu Gast im Kloster Arenberg in der Nähe von Koblenz. Da hatte ich auf kleinen Zetteln notiert, was ich loswerden wollte. Und nun sind diese Notizen dort vor ein paar Tagen im Osterfeuer verbrannt worden.
Auf dem Gelände in Arenberg gibt es einen großen Klosterpark, durch den man wunderbar spazieren kann. Mit vielen alten Obstbäumen, einem Biotop, ein paar Schafe gehören dazu – und ganz am Ende des Gartens steht eine kleine Natursteinmauer, vielleicht so hüfthoch und einige Meter lang. In den Ritzen krabbeln nicht nur Spinnen und Käfer, zwischen den Steinen stecken überall kleine Zettel. Diese kleine Mauer hat das Kloster vor einigen Jahren errichtet; Vorbild dafür war die große Klagemauer in Jerusalem. Vor dieser Mauer beten jeden Tag viele Menschen und übers Jahr stecken Tausende ihre Zettel mit Bitten und Gebeten zwischen die Steine.
So viele sind es im Kloster Arenberg sicher nicht. Man findet immer noch einen Platz für den eigenen Zettel. Ein Seelsorger im Kloster hat mich ermutigt, diese kleine Klagemauer zu nutzen. Die Idee dahinter ist: Das aufzuschreiben, was einen im Moment bedrückt. Das zu notieren, was man gerne loswerden möchte, was man vielleicht auch endgültig loslassen möchte. Genau das hab ich getan. Jedes Jahr in der Osternacht werden dann alle Zettel aus der Mauer geholt und symbolisch dem Osterfeuer übergeben.
Was auf meinen Zetteln gestanden hat? Ich weiß es tatsächlich nicht mehr. Und genau so sollte es wohl auch sein. Eine Sorge formulieren und an die Mauer abgeben, bestenfalls für immer. Solche Rituale sind natürlich zuerst symbolisch, aber sie können unterstützen.
Im Übrigen weiß niemand sonst, was auf meinem Zettel stand. Denn für die kleine Klagemauer in Arenberg gilt dasselbe, wie für die große in Jerusalem. Auch dort werden die Briefe und Papierstücke regelmäßig aus den Mauerritzen geholt und dann auf dem Ölberg vergraben; verbrannt werden dürfen sie nach jüdischer Tradition nicht. Dabei ist es absolut tabu, die Zettel zu öffnen und zu lesen. Ein Rabbiner, der für die heilige Stätte in Jerusalem verantwortlich ist, sagt: „Was auf den Zetteln steht, geht nur den Menschen und seinen Schöpfer etwas an.“[1]
So ist es dann auch mit meinen Sorgen passiert. Ich habe sie anvertraut: der Mauer, dem Himmel und Gott.
[1]https://www.herder.de/cig/cig-ausgaben/archiv/2018/9-2018/die-tempelmauer-reinigung/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44187