SWR1 3vor8

05APR2026
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In den Dörfern im italienischen Piemont gibt es am Ostermorgen ein Ritual: Wenn zum ersten Mal die Kirchenglocken läuten, ganz früh am Morgen, rennen alle zum Dorfbrunnen. Dort schöpfen sie das kalte, klare Wasser und waschen sich die Augen. Man lacht, man grüßt sich mit „Halleluja“, und manche bitten um „Osteraugen“.

Was „Osteraugen“ sein können, das entdecke ich in der biblischen Erzählung, die heute in kath. Gottesdiensten zu hören ist. Maria von Magdala steht vor dem Höhlengrab, in das sie ihren Freund Jesus vor drei Tagen gelegt haben. Der Stein vor dem Grab ist weg und Jesus ist nicht mehr da. Irgendjemand muss den Leichnam weggebracht haben. Maria laufen Tränen übers Gesicht. Weinend schaut sie ins Grab und sieht dort auf einmal zwei Engel, die sie fragen: „Frau, warum weinst du?“ Maria sagt, was sie belastet, und dass sie unendlich traurig ist. Dann dreht sie sich um und schaut in den Garten, wo sie meint, einen Gärtner zu sehen. Als dieser sie mit „Maria“ anspricht, erkennt sie, dass es Jesus ist.

Von Maria lerne ich, was „Osteraugen“ sind, nämlich: erst einmal hinschauen, wie die Situation ist. Auch wenn es weh tut und ich lieber die Augen verschließen möchte vor dem Grab, vor dem, was mich bedrückt. Doch damit nicht genug. Wenn ich mit „Osteraugen“ schaue, dann lasse ich meinen Blick nicht bei dem, was ich zunächst sehe, sondern ich schaue tiefer. Und das nicht nur mit den Augen, sondern auch mit dem Herzen. Dann kann ich, wie Maria, im leeren Grab die Engel entdecken und erkenne im Gärtner Jesus.

Die Osteraugen haben auch was mit mir zu tun. In den letzten Monaten gab es viel Neues in meinem Leben: neuer Job, neue Leute, mit denen ich jeden Tag zu tun habe, neue Wohnung, neue Wege, die ich mit dem Rad zurücklege. Das hat mich mehr gefordert, als ich es mir zugestanden habe. Ich habe auch gemerkt, dass ich noch ein bisschen wehmütig an dem hänge, was vorher war. Was jetzt nicht mehr ist. Da hat es gutgetan, dass eine Freundin mir geduldig zugehört hat, wenn ich nach einem anstrengenden Tag erzählt habe, wie fix und fertig ich bin. Und dass sie mich liebevoll auf das gestoßen hat, was immer noch da ist, und worauf ich mich bei allem Neuen verlassen kann. Das war wie frisches Wasser im Gesicht, wie ein neuer Blick mit „Osteraugen“, der durch die Schatten hindurch das Licht sehen kann.

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