SWR Kultur Wort zum Tag
Eines meiner Lieblingsgedichte stammt von Ludwig Steinherr. Es trägt keinen Titel und geht so: „Einmal möchte ich ein Gedicht schreiben nur aus Namen. Ein Gedicht, in dem alle Freunde Platz finden wie um einen Tisch. Ab und zu wären neue Gäste zu begrüßen oder einer stünde auf und ginge weg. Aber im Hintergrund des Gedichts gäbe es einen großen Garten, in dem es auch spät nachts noch eine Freude wäre, sich zu verirren.“
In der Mitte dieses Gedichts steht ein Tisch. So wie an jenem Abend heute vor vielen Jahren, als Jesus mit seinen Jüngern zu einem letzten gemeinsamen Essen zusammengekommen ist. Ich stelle mir vor, dass es ein runder Tisch ist. An runden Tischen haben mehr Leute Platz, und die Entfernung von einem zum andern ist näher als einer langen Tafel. Es gibt ein Festessen. Auf dem Tisch stehen besondere Speisen. Alle haben eine symbolische Bedeutung: Das Lamm, die Kräuter, das Ei. Das Brot und der Wein. Petrus ist dabei und Johannes, Jakobus und Andreas, Bartholomäus und Thomas. In Wirklichkeit waren es viel mehr an diesem Abend. Männer und Frauen aus dem Freundeskreis von Jesus. Ab und zu gab es neue Gäste zu begrüßen oder einer stand auf und ging weg. Judas zum Beispiel. Niemand hat es bemerkt in dem allgemeinen Kommen und Gehen.
Im Gedicht nur aus Namen fällt es ganz leicht, sich mit an diesen Tisch zu setzen. Sag einfach, wie du heißt. Und setz dich. Schon bist du willkommen. Nimm, es gibt Brot. Und hier, trink vom Wein. Lechajim, auf das Leben! Und wenn du in der Runde irgendjemand vermisst, dann denk dran: Im Hintergrund des Gedichts gibt es einen großen Garten. Da findest du alle wieder, die schon aufgestanden und vorausgegangen sind. Es macht Spaß, sich drin zu verlaufen, auch wenn‘s dunkel ist. Aber vielleicht lässt du das Paradies auch noch warten und schließt dich den andern an. Die werden gleich aufbrechen zu einem Spaziergang nach dem festlichen Mahl. Hinüber auf den Ölberg. Da liegt der Garten Gethsemane mit seiner fantastischen Aussicht auf die nächtliche Stadt Jerusalem. Im Garten fängt immer wieder alles von vorne an.
„Einmal möchte ich ein Gedicht schreiben nur aus Namen. Ein Gedicht, in dem alle Freunde Platz finden wie um einen Tisch. Ab und zu wären neue Gäste zu begrüßen oder einer stünde auf und ginge weg. Aber im Hintergrund des Gedichts gäbe es einen großen Garten, in dem es auch spät nachts noch eine Freude wäre, sich zu verirren.“
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