Begegnungen

Karfreitag erinnert an die Kreuzigung Jesu. An eine Geschichte von Tod, Abschiednehmen und trauern.
Über Jahrhunderte war die Kirche der Ort, an dem Menschen gelernt haben, mit solchen Situationen umzugehen. Doch das ist längst nicht mehr immer so. Heute ist nur noch jede zweite Beerdigung eine kirchliche. Die Zeiten haben sich geändert und die Rollen auch. Wenn jemand stirbt, reden Angehörige meist nicht zuerst mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer. Sie rufen beim Bestatter an.
Was dort passiert und wie Angehörigen begegnet wird – das möchte ich in Tübingen erfahren. Ich treffe Gudrun und Laura Höhn, Mutter und Tochter. Laura ist Bestattermeisterin im Familienunternehmen, ihre Mutter Gudrun hat dort ein Begegnungscafé eingerichtet.
Zunächst spreche ich mit Laura, sie ist Anfang 30 und hat zuvor einige Jahre in der Wirtschaft gearbeitet. Und jetzt: Jeden Tag Trauer, Tod und Leid. Warum hat sie sich für diesen Job entschieden?
Weil ich den Bereich sinnvoll finde, diese Übergänge zu schaffen und für Menschen da zu sein, die gerade nicht wissen wohin. Und das auch erlebe in dem Feedback.
Tatsächlich hat ihr gerade eine Frau gesagt, dass sie eigentlich etwas ganz anderes erwartet hat, als sie zu ihr ins Bestattungshaus gekommen ist.
Das war ein Musstermin und das kann ich total nachvollziehen. Es will ja eigentlich keiner da sein. Und wenn ich dann höre, dass sie völlig erleichtert wieder gegangen ist, dann ist alles erfüllt.
Laura Höhn hat zwar keine seelsorgliche Ausbildung, aber ich erlebe sie empathisch und gleichzeitig sehr reflektiert. Wie geht sie damit um, dass sie eigentlich nie vorher weiß, in welcher Situation und in welchem Zustand Menschen zu ihr kommen?
Es sind nicht meine Emotionen, die da passieren. Und trotzdem möchte ich mitfühlend sein, aber trotzdem auch zu wissen, wo die Grenze ist. Das heißt, ich bin auf vielen Ebenen, glaube ich, Begleiterin. Begleiterin im Herausfinden, was sie gerade brauchen. Weil viele das erst mal nicht wissen und wir zusammen diesen Weg gehen.
Das hört sich für mich nicht nur nach jemandem an, der die Beerdigung abwickelt. Laura Höhn ist es sehr wichtig, viel zu erklären und nicht nur rechtliche Vorgaben umzusetzen.
Warum brauche ich einen Sarg? Was soll mir die Urne bringen? Da einen roten Faden zu gestalten und auch zu erklären, was das emotional für sie bedeuten könnte.
Tote bestatten und trauernde Menschen gut zu begleiten, darin sieht Laura Höhn ihre Aufgabe. Sie selbst hat sich von der Institution Kirche zwar distanziert, aber eine Haltung zum Glauben hat sie trotzdem – und das finde ich persönlich wichtig.
Ich glaube daran, dass es mehr gibt, als wir zwischen Himmel und Erde erkennen und sehen können. Ich respektiere jedoch, und das ist glaube ich das Wichtige für meine Arbeit, wo das miteinfließt, jegliche Form von Glauben oder Nichtglauben, die mir begegnet.
Nun treffe Gudrun Höhn, Lauras Mutter. Beide arbeiten zusammen im Familienbetrieb. Vor ein paar Jahren hat Gudrun Höhn dort ein Begegnungscafé eingerichtet.
Als ich über den Hof laufe, fällt mir sofort die Kreidetafel auf mit dem Wort „Leichenschmaus“. Ich zucke ein wenig zusammen, weil ich dachte, dieses Wort verwendet man heute nicht mehr so gern. Gudrun Höhn mag das Wort:
Weil es genau das bezeichnet, was es ist. Ich finde das Essen wichtig und ich finde den Verstorbenen wichtig. Und das ist so ein bisschen ein Begriff, der knallt. Und ich mag es gern knallen. Es ist uralt, dieses Wort und es hat eine Historie und deswegen mag ich es.
Nach einer Trauerfeier mit Familie und Gästen nochmals zusammenzusitzen, das war lange selbstverständlicher Teil einer Trauerkultur. Gudrun Höhn beobachtet, dass viele sich schwertun mit dem Thema Tod und Trauer, und am liebsten alles schnell hinter sich bringen wollen. Deshalb ermutigt sie Angehörige, nicht gleich auseinanderzugehen.
Ich würde es jedem empfehlen und einfach mal zu gucken, was passiert. Es ist etwas, was man nicht vorgreifen kann. Diese Überraschung, die ist immer sehr spürbar hier bei allen Gästen, die da gewesen sind.
Das kann ich mir jetzt schwer vorstellen, wie ein Trauer-Kaffee mit Überraschung zusammenpasst.
Dass ich mit Menschen, die ich über Jahre nicht gesehen habe, plötzlich aufgrund dieser Situation mich in einer Gemeinschaft befinde, die mir guttut. Schon das ist Überraschung. Dass was guttun kann, dass irgendwas als schön empfunden werden kann, auch zu diesem scheinbaren Paradox Tod und Verlust.
Dass ein Bestattungshaus gleichzeitig ein eigenes Café hat, das gibt es äußerst selten. Für Gudrun Höhn ist es die Antwort, auf das, was sie seit langem wahrnimmt.
Es ist eine gewisse Scham, ein gewisses Verbergen wollen. Es gibt viele Menschen, die andere Menschen nicht weinen sehen können. Ja, warum denn nicht? Weinen ist Bewegung. Weinen ist Zeigen einer Emotion. Da passiert was. Das kann entlasten. Das kann erleichtern.
Das Café ist für sie ein Plädoyer an die Angehörigen: Zeigt, wie es Euch wirklich gerade geht! Sie selbst hat diesem Ort den Namen „Café Inspiration“ gegeben. Denn sie will inspirieren:
Für ganz viele Dinge – Ich darf frei sein. Ich muss traurig sein nicht definieren. Ich muss hier nicht traurig sein. Ich darf lustig sein. Ich darf Schnaps trinken. Ich kann hier lachen dürfen. Es hat auch etwas Befreiendes. Und für uns gibt es hier kein Richtig und kein Falsch.
Zum Schluss spreche ich mit Gudrun Höhn noch über ihren eigenen Blick auf den Tod und erfahre dabei etwas Überraschendes. Sie ist gelernte Hebamme. Sie hat also einen professionellen Blick – sowohl auf den Anfang des Lebens und auch dann, wenn es zu Ende geht.
Bei dem Übergang Geburt weiß ich, wo ich hingehe. Dieses Mysterium „Was kommt nach dem Tod?“, das bleibt verborgen. Und das darf es. Und da eine Gelassenheit zu bekommen und auch einfach irgendwann mal zu sagen: Okay, ich genieße das, was ich habe im Augenblick und ich nehme das, was kommt, dann werd ich den Rest auch hinkriegen.
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