SWR Kultur Wort zum Tag

08APR2026
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Am Anfang meines letzten Seminars hat der Dozent einen Satz losgelassen, der mir bis heute hängengeblieben ist. Er hat gesagt: „Holen Sie sich nicht erst Hilfe, wenn es notwendig ist, sondern dann, wenn es hilfreich sein könnte, und das ist meistens deutlich früher.“

Seitdem sage ich das auch, wenn ich anderen meine Hilfe anbiete: „Gerne melden, wenn es hilfreich sein könnte, nicht erst, wenn es notwendig ist.“

Und ich versuche mich selbst daran zu halten. Auch wenn es mir nicht immer leichtfällt, andere frühzeitig um Hilfe zu bitten. Zum einen ist da die Angst, ihnen unnötig zur Last zu fallen.

Zum anderen ist da mein Ehrgeiz, das selbst schaffen zu wollen. „Das kann doch nicht so schwer sein.“ Oder noch schlimmer: „Ich kann doch nicht so unfähig sein, dass nicht selbst hinzubekommen. Andere schaffen das doch auch.“ Manchmal ist da auch etwas Scham dabei.

Aber tatsächlich fällt es mir mit zunehmendem Alter leichter, andere um Unterstützung zu bitten, oder Sachen, die mich beschäftigen, nicht nur mit mir selbst ausmachen zu wollen. Ich habe das gelernt.

Und wenn ich frühzeitig frage, dann ist der Druck nicht so hoch, auf beiden Seiten. Ich kann ganz vorsichtig anfragen: „Ich bräuchte da mal deine Hilfe, nur falls du Zeit hast, ansonsten schaffe ich es vielleicht auch allein oder überlege mir, wen ich sonst fragen kann. Ach ja, und es muss auch nicht gleich sein, nächste Woche reicht auch noch.“

Wenn es gelingt, dann entlaste ich mich selbst früher und quäle oder überfordere mich nicht unnötig mit Dingen, die mit Hilfe anderer viel einfacher zu lösen wären, z.B. durch ein Gespräch, bei dem ich loswerden kann, was mich gerade beschäftigt. Oder wenn ich ein Formular ausfülle, für das ich stundenlang recherchieren muss, und am Ende immer noch unsicher bin. Warum frage ich erst dann meine Bekannte, die mir ohne große Mühe sagen kann, wie ich es machen muss? Warum habe ich sie nicht gleich angerufen.

Meistens mache ich die Erfahrung, dass andere mir gerne helfen, ja, sich sogar freuen, dass ich sie gefragt habe. Und andersherum geht es mir ähnlich. Ich freue mich, wenn ich andere unterstützen kann. Es gibt mir ein gutes Gefühl, auch dann, wenn es nur hilfreich war und nicht absolut notwendig.

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