SWR Kultur Wort zum Tag

10APR2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich bin über den Jahreswechsel vier Wochen lang zusammen mit einem Freund durch Patagonien gefahren. Mit dem Fahrrad. Patagonien ist bekannt für sein raues Klima und seine atemberaubende Schönheit. Die Weite, die Natur, die Berge - Mein Auge ist dort satt geworden und das Herz hat sich geweitet, wenn sich mein Blick in der Endlosigkeit verloren hat. Die einzigen Menschen, die wir getroffen haben, lebten in kleinen Siedlungen oder auf Bauernhöfen irgendwo im Nirgendwo. Die meisten sind im Vergleich zu uns arm. Die Menschen dort auf dem Land leben ein einfaches Leben nah an der Natur. Ich will das nicht verklären, die Knappheit vieler Güter und die sozialen Probleme waren offensichtlich. Alle waren froh, wenn sie an uns Touristen ein bisschen was dazuverdienen konnten.

Die Leute waren sehr freundlich zu uns, hilfsbereit und liebenswert. Aber das höre ich tatsächlich immer, wenn jemand irgendwo durch die Welt gereist ist. Mir ist jedoch etwas aufgefallen, das mich nachträglich sehr beschäftigt hat und das über bloße Freundlichkeit hinausgeht. Einmal ist mein Fahrrad kaputtgegangen und ich habe eine bestimmte Schraube gebraucht. Wir haben in einem Dorf jemanden gefragt, ob er so eine Schraube habe, was nicht der Fall war. Aber er kannte jemanden, der sie haben könnte. Dorthin brachte er uns. Der Freund hatte die Schraube aber auch nicht, meinte aber, er kenne jemanden und brachte uns zu ihm, der sie allerdings auch nicht hatte, aber wieder jemanden kannte. So ging es eine ganze Weile. Bis wir als etwa zehnköpfige Gruppe kreuz und quer durch das Dorf pilgerten und nach der Schraube suchten. Alle waren daran interessiert, ob wir sie bekommen würden und jedem war es ein Anliegen, dass wir sie bekommen. Jeder hatte einfach alles stehen und liegen gelassen, nur um uns zu helfen. Das hat mich sehr berührt. Mir war, als hätten alle unser kleines Schraubenproblem übernommen. Das Fehlen der Schraube wurde zu unserem gemeinsamen Problem und dessen Lösung ging alle an und alle freuten sich, als wir die Schraube gefunden hatten. Ich hatte den Eindruck, als würden diese Menschen das eigene Ich mehr vom ‘Wir‘ her denken und verstehen. Als würden die Sorgen auch eines fremden Menschen sie selbst etwas angehen und sein Wohlergehen unmittelbar mit dem eigenen zusammenhängen. So als wären wir alle miteinander verbunden. Das fand ich sehr schön. Weil ich es auch schon erlebt habe, dass bei uns in der reichen Welt oft wenig Platz ist, für das Wir im eigenen Ich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44172
weiterlesen...