SWR Kultur Wort zum Tag

09APR2026
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Die Vertreibung aus dem Paradies, wie wir sie in der Bibel lesen können, wird eigentlich immer als eine Strafe Gottes verstanden. Der Mensch wurde hochmütig, wollte Erkenntnis erlangen, ja, wie Gott sein. Deshalb ist er im hohen Bogen aus dem Garten Eden geflogen. Seither muss der Mann den Ackerboden mit harter Arbeit bestellen und die Frau unter Schmerzen Kinder gebären. Und wir Menschen sind daran selber schuld. Diese Deutung ist bekannt, auch irgendwie naheliegend und machtpolitisch durchaus hilfreich. Wenn der Mensch grundsätzlich als Sünder und als Verstoßener gilt, dann ist es leichter ihn klein zu halten. Ihm einzureden, dass er immer demütig und rechtschaffen sein muss.

Aber vielleicht muss diese Vertreibung aus dem Paradies gar keine Strafe sein. Vielleicht ist sie nur eine logische Konsequenz und deshalb gar keine richtige Vertreibung. Denn wer Erkenntnis erreichen möchte, der will immer weiterkommen. Der bleibt nicht, wo er ist, der will immer in Bewegung bleiben. Auch wenn der Garten Eden verlockend ist, er klingt ein wenig nach Schlaraffenland, nach „Auf die faule Haut legen“ und es schön haben. Das ist sicher reizvoll, aber auch ein bisschen langweilig und macht sicher nicht glücklich. Zumindest nicht den, der nach Erkenntnis verlangt. Wer erkennen und verstehen will, der wird immer wieder aus der Komfortzone, wie man sagt, ausbrechen müssen. Der wird immer weiter immer neue Fragen stellen. Immer auf das Ganze schauen wollen. Und vielleicht meint Gott das mit der Vertreibung: “Ok“, sagt er vielleicht, „wenn Du Erkenntnis willst, dann musst Du mit rauskommen. Dann musst Du kommen und sehen und fühlen, wie es wirklich ist, denn das gehört dazu.“ Also bestraft er den Menschen vielleicht gar nicht, sondern nimmt ihn ernst. Und das ist dann eben keine Strafe, sondern ein Akt der Liebe. Eine trauernde Liebe sicher, denn er hat sich das mit uns Menschen ganz anders vorgestellt. Aber er hat eben Wesen geschaffen, die nach Freiheit streben. Die selber entscheiden und die mitreden wollen. Also muss er von seinen eigenen Vorstellungen und Plänen, die er mit uns hatte, ablassen und seinen Geschöpfen etwas zutrauen. Ich glaube, das ist gar nichts so außergewöhnliches. Vermutlich kennt das jeder, dessen Kinder erwachsen werden.

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