SWR Kultur Wort zum Tag

23MAI2026
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Es ist interessant, wie sehr sich Ziele verändern.

Ich durfte in meinem Leben schon viele Wanderungen machen. Ich habe mehrmals die Alpen durchquert, von Nord nach Süd, von Ost nach West und bin auch sonst viele weite Wege gegangen. Immer hatte ich große Ziele vor Augen. Entweder den Zielort selbst, z.B. bin ich einmal von Triest nach Monaco gelaufen, aber auch Ziele, die die Art und Weise betrafen, wie ich unterwegs sein wollte. Ich wollte besonders schnell sein, wollte besonders anspruchsvolle Wege gehen, besonders lange am Stück ohne Pause gehen oder ausschließlich unter freiem Himmel schlafen.

Aber auf jeder Reise wurden die Ziele immer andere. Ich bin auf der genannten Reise nach Monaco zwar dort angekommen, aber das war dann irgendwie nichts bewegendes mehr, ich war einfach nur am Zielort. Ich bin zuvor lange Zeit ohne Pause gegangen, aber dann habe ich irgendwann angefangen mich hier und da hinzusetzen und mich auszuruhen. Mir die Landschaft anzuschauen. Ich habe oft die schwersten Wegvarianten gewählt, aber irgendwann bin ich es gemütlicher angegangen. Jenseits meiner ursprünglichen Ziele sind mir andere wichtig geworden. Weil ich mich verändert habe. Auf der langen Wanderung hat die Kraft nachgelassen und im Kopf ist einiges passiert ist. Ich habe andere Blickwinkel eingenommen. Am Ende war im Grunde alles anders, als ich es beim Losgehen geplant hatte. Aber dennoch bin ich zufrieden gewesen. Weil ich das gemacht habe, was an den einzelnen Tagen, in den einzelnen Momenten für mich machbar gewesen ist.

Ähnlich empfinde ich es im Leben ganz allgemein. Was habe ich mir schon alles vorgestellt, was ich erreichen will, wer ich sein will, welche Position ich einnehmen will. Bundeskanzler wollte ich werden, der schönste Mann der Welt, der berühmteste Schauspieler, der gerechteste Mensch, den es gibt, der Retter der Welt.

Ich sage es vorweg: Nichts davon ist wahr geworden. Von meinen Zielen, die ich mir als Jugendlicher gesteckt habe, habe ich keines erreicht und bin dennoch ein glücklicher Mensch. Weil ich anders geworden bin. Über die Jahre hat die Kraft nachgelassen und im Kopf ist Vieles passiert. Ich habe neue Blickwinkel eingenommen. Ich habe ein Leben gelebt, das machbar für mich war. Dennoch habe ich die großen Ziele gebraucht, um überhaupt loszugehen. Ich brauchte eine Utopie, um in der Wirklichkeit und Machbarkeit anzukommen. Das ist, glaube ich, der Sinn von großen Zielen: Dass sie uns auf den Weg bringen, die kleinen zu erreichen.

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