SWR Kultur Wort zum Tag

22MAI2026
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Auf Friedhöfen bekomme ich immer eine Ahnung von der Endlichkeit. Wenn ich auf einem Friedhof bin, gehe ich durch die Gräberreihen, schaue mir die Grabsteine an und lese die Inschriften. Mehr als die Namen interessieren mich die Jahreszahlen. Zum Beispiel 1934 bis 2007. Das umfasst einen Zeitraum von 73 Jahren. Ein Leben, das 73 Jahre lang gedauert hat. Zwischen den beiden Zahlen, steht die Spanne, die dieses Leben umfasst hat. Den Anteil an der Ewigkeit, den dieser Mensch zur Verfügung gehabt hat. In dem er die Möglichkeit gehabt hat seine Chancen zu nutzen. Zu lieben. Zu leiden. Sich zu entwickeln. Vielleicht ist dieser Mensch viel zu früh gestorben, vielleicht hätte er noch mehr Zeit haben sollen. Möglich, dass er sein Leben als gelungen betrachtet hat, vielleicht aber auch als gescheitert. Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob es einen Sinn des Lebens gibt. Ich weiß auch nicht, ob ein Leben wirklich gelingen kann. Oder ob jeder von uns zu irgendetwas bestimmt ist.

Das Leben ist, glaube ich, einerseits ein Geschenk, andererseits aber auch eine Aufgabe. Ich glaube, der Auftrag des Lebens an uns ist: Es zu leben. Das Leben selbst. Diese Zeitspanne zwischen den zwei Jahreszahlen, die unsere Geburt und unseren Tod markieren, auszufüllen. Jeder so, wie er kann. Jeder auf seine ureigene Art. Wahrscheinlich braucht jeder den größten Teil des Lebens dazu herauszufinden, was diese ureigene Art ist. Ich wünsche jedem, dass er sie findet. Ich selber bin noch mittendrin in der Suche. Manchmal habe ich schon gedacht: Jetzt hab ich‘s, jetzt bin ich so, wie ich wirklich bin. Als ich z.B. mein Studium beendet hatte, da war ich in meinen Augen ein großer Herr und habe gedacht, dass die Welt auf mich wartet. Aber das war dann doch nicht so. Denn ich bin dann doch immer ganz anders als ich es selber gedacht habe. Vielleicht auch als ich sein will. Also heißt es weitermachen. Noch ist Zeit. Ich kenne nur die erste Zahl. Die lautet bei mir 1980. Ich hoffe ja, dass die zweite noch auf sich warten lässt. Aber das hab ich nicht in der Hand. Wann immer sie auch festgeschrieben wird, ob in einem Jahr oder in 10 oder in 20. Ich hoffe, dass ich es bis dahin schaffe. Und dass die Zahl - meine letzte Zahl - dann gut ist.

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