SWR Kultur Wort zum Tag
Im Winter bin ich mit einem Freund durch Patagonien geradelt. Durch dieses wunderschöne und weite Land am südlichen Ende Südamerikas. Eines Abends, nach einem langen, staubigen Tag auf dem Rad, sind wir auf einem kleinen Bauernhof weitab jeglicher Siedlung untergekommen. Der Besitzer hatte von seinem Stall ein Stück abgetrennt und so einen Raum geschaffen, den er an Radfahrer, Motorradfahrer oder Wanderer vermietete. Am Abend saßen wir hinter dem Stall, tranken etwas und genossen die Abendsonne. Es war das reinste Paradies. Da gab es Schafe, Kühe, Hunde, Pferde, Truthähne, Hühner, zwei Esel, Katzen und vier oder fünf Hunde. Die verschiedenen Tierarten lebten nicht voneinander getrennt, sondern liefen frei und bunt durchmischt auf dem Hof und der Weide herum, ohne, dass sie sich gegenseitig störten. Es war ein paradiesischer Ort mit einer harmonischen, friedlichen Stimmung. So muss es im Garten Eden gewesen sein - Zu schön, um wahr zu sein, dachte ich, wie ich da müde saß und einen Hund im Nacken kraulte. Die Hunde lagen allesamt faul in der Sonne und rührten sich kaum. Ihr habt einen guten Job als Wachhund, dachte ich mir: Hier gibt es nichts zu bewachen.
In der Nacht konnte ich aber kaum schlafen. Denn in der Nacht herrschte Krieg. Kein Wunder, dass die Hunde tagsüber träge und erschöpft waren, denn die ganze Nacht über hatten sie zu kämpfen. Unablässig bellten sie, rannten über den Hof, kläfften, knurrten. Denn in der Nacht war das Idyll in Gefahr. Da drangen die wilden Tiere herein und hatten es auf die wehrlosen Tiere abgesehen. Die heile Welt des Tages war in der Nacht ein Schlachtfeld.
Am Morgen lagen die Hunde erschöpft da oder trotteten zu uns, um sich ihre Streicheleinheiten abzuholen. Die bekamen sie. Wie ich einen von Ihnen, der den Kopf auf meinen Schoß gelegt und über dem linken Auge einen Kratzer hatte, streichelte, wurde ich traurig. Denn ich habe mich an den Wohnwagen erinnert, den ich als Jugendlicher mit meinen Freunden auf ein Grundstück gestellt hatte. An dem wir uns trafen, ungestört und frei waren, an dem wir unsere Idylle hatten. Dieser für mich heile Ort meiner Jugend wurde irgendwann geräumt, weil er offensichtlich nicht so ganz in die damalige Kleinstadtwelt passte. Und ich habe mich gefragt, ob so eine friedliche Idylle letztendlich nicht immer nur eine Illusion ist. Ob immer jemand kommt, der sie bedroht, wahrscheinlich weil er sie nicht aushält oder neidisch ist. Oder ob es irgendwann mal ein Paradies geben kann, dass man sich nicht hart erkämpfen muss oder aus dem man nicht vertrieben wird.
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