Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Malaika ist fünf Jahre alt. Jeden Tag geht sie in den Kindergarten. Malaika ist Schwarz und jeden Tag hat sie das Gefühl: ich komme hier nicht vor. Sie blättert durch ihre Bilderbücher, sie schaut Kinderfilme, sieht Bilder an den Wänden – und überall begegnen ihr Menschen, die nicht so aussehen wie sie:
Da sind weiße Prinzessinnen, weiße Heldinnen und weiße Kinder. Auch die Mamas und Papas sind weiß, genauso wie die Großeltern. Malaika weiß: Es gibt weiße Menschen und Schwarze, wie Mama, Papa und sie selbst. Aber in der Kita ist sie die Einzige mit dunkler Haut.
Auch wenn niemand etwas Böses sagt, auch wenn alle freundlich sind – Malaika spürt: Ich bin anders. Ich passe nicht ins Bild. Und das macht etwas mit ihr.
Strukturelle Ausgrenzung ist nicht laut. Sie hat keine bösen Worte. Kein Wegschubsen. - Du bist da und wir mögen dich – aber so ganz gehörst du doch nicht in unsere Welt. Dieses Gefühl hat Malaika oft, wenn sie morgens in die Kita kommt.
An diesem Morgen setzt sich die Erzieherin in den Morgenkreis. Sie hat eine neue Kinderbibel in der Hand. Die heißt „Alle Kinder Bibel“.
Auf den Bildern sieht man Menschen mit heller Haut und mit dunkler. Da sind Jungen und Mädchen, Männer und Frauen und Babys. Jedes Alter kommt vor, jede Körperform. Menschen mit Einschränkungen und ohne.
Auf den Bildern stehen Wörter in verschiedenen Sprachen. Die Erzieherin sagt: „Da steht ‚Liebe‘ auf Englisch, auf Arabisch und auf Suaheli.“ Auch der Jesus in dieser Kinderbibel hat eine dunkle Haut.
Die Bibel erzählt Geschichten von ihm: Wie er Menschen anspricht, die sonst keiner sieht. Wie er sich neben die stellt, die am Rand stehen. Wie er niemanden sortiert nach Aussehen, Herkunft, Stärke oder Schwäche.
Malaika rückt näher. Hört zu. Schaut auf die Bilder. Und zum ersten Mal kommt sie vor. Als sie nachmittags von ihrer Mutter abgeholt wird, ist Malaika ganz aufgeregt und platzt sofort damit heraus: „Mama“, sagt sie, „Jesus ist auch so wie wir.“
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