SWR4 Feiertagsgedanken

06APR2026
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Gestern haben wir Christen Ostern gefeiert. Auferstehung vom Tod. Halleluja, Jesus lebt! So haben wir in den Kirchen gesungen. Und heute in den biblischen Texten im Gottesdienst schon Zweifel. Kann das wirklich sein? Soll man sich das ernsthaft vorstellen?

Nun gehören die Zweifel zum Glauben wie die Erde zum Himmel. Blind zu glauben ohne irgendeinen Zweifel? Ich persönlich kann mir das gar nicht vorstellen. Und mit am schwierigsten zu glauben ist ja das, worum es jetzt an Ostern geht. Dass dieser Jesus auferstanden ist vom Tod und dass ein paar seiner Freunde ihm sogar begegnet sind. So berichtet es die Bibel. Andere, denen sie aufgeregt davon erzählen, nehmen ihnen das zuerst gar nicht ab. Und auch die beiden Jünger, die nach dem Tod Jesu traurig aus Jerusalem weggehen, unterhalten sich unterwegs über nichts anderes. Angeblich soll er leben, haben sie gehört. Doch so richtig glauben können sie das nicht. Noch nicht. Heute, am Ostermontag, wird ihre Geschichte in den Kirchen erzählt. (Lk 24,13-35) Für mich gehört sie zu den schönsten in der Bibel. Die Geschichte der beiden Jesusjünger, die sich von Jerusalem auf den Weg machen ins Dorf Emmaus, ist einer meiner absoluten Favoriten. Weil sie eben nicht schwarz-weiß ist. Weil sie auch Raum lässt für Fragen und Zweifel. Weil sie gerade nicht fundamentalistisch daherkommt, nach dem Motto: Entweder glaubst du alles, wie es im Katechismus steht, oder du gehörst nicht dazu, bist kein richtiger Christ.

Die Geschichte berichtet davon, wie die beiden, die den Tod ihres Freundes noch gar nicht fassen können, immer wieder darüber reden. Sie müssen einfach, wollen begreifen, was da geschehen ist. Die Nachricht, dass Jesus leben soll, verstört sie. Auf ihrem Weg treffen sie einen Fremden. Er schließt sich ihnen an, fragt behutsam nach, lässt sich alles von ihnen berichten. Den beiden, so aufgewühlt wie sie sind, tut die Begegnung mit ihm gut. Es ist so wohltuend, einem anderen sein Herz ausschütten zu können. Einem, der aufmerksam ist, genau hinhört, Anteil nimmt. Am Ziel angekommen ist es Abend geworden. Die beiden laden den Fremden ein, zu bleiben. Als sie dann miteinander am Tisch sitzen, nimmt der das Brot, spricht den jüdischen Lobpreis und bricht es. Und an der Art, wie er das macht, merken sie: Das ist Jesus! Mit ihm selbst haben sie also den ganzen Tag gesprochen. In dem Augenblick aber, als ihnen das klar wird, können sie ihn nicht mehr sehen.

 

Ein verstorbener Freund, der plötzlich wieder auftaucht. Kann gar nicht sein. Gibt’s doch nicht! Auf den ersten Blick erscheint die Geschichte der beiden Jünger tatsächlich etwas schräg. Schon möglich, dass mir auch Zweifel kämen, wenn ich sie zum allerersten Mal hören würde. Dass sie mit ihm reden, sich sogar mit ihm austauschen. Dass ihnen dabei das Herz brennt, wie es in der Geschichte heißt.

Aber vielleicht erzählt die Geschichte ja auch etwas, das vielen, die einen lieben Menschen verloren haben, gar nicht so fremd vorkommt. Vor ein paar Monaten ist ein Kollege und Freund von mir gestorben. Aus heiterem Himmel, über Nacht, völlig unerwartet. Eine gemeinsame Bekannte, die in seiner Nähe wohnt, sagte vor kurzem: Wenn ich um die Ecke gehe, dann denke ich immer noch: Gleich kommt er mir wieder entgegen. Ganz ähnlich ging es mir auch. Wie oft sind wir in der Mittagspause ein paar Schritte zusammen gegangen. Haben diskutiert, über Gott und die Welt geredet. Wenn ich in den Wochen nach seinem Tod dieselben Wege gelaufen bin, dann kamen mir viele Gespräche mit ihm wieder in den Sinn. Und bei Problemen, die mir durch den Kopf gingen, habe ich mich immer wieder gefragt: Was hätte er jetzt dazu gesagt. Dann war es fast so, als ob ich seine Stimme neben mir hören würde.

Natürlich weiß ich, dass er gestorben ist. Ich war auf seiner Beerdigung, habe an seinem Grab gestanden. Aber ich weiß auch, dass es vielen anderen, die den Partner, Freund oder Freundin, Mutter oder Vater verloren haben, ähnlich geht. Sie wissen: Dieser Mensch ist tot, kommt nicht mehr wieder. Und ist trotzdem da. Ganz nah, beim Spaziergang, am Tisch gegenüber. Lebt, irgendwie und doch so anders. Und deshalb steht ein entscheidender Satz in der Geschichte der beiden Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus auch am Ende: Als sie erkennen, dass er es ist, sehen sie ihren Freund nicht mehr. Es gibt keinen greifbaren Beweis. Kein sicheres Wissen. Nur ein Vertrauen, dass das möglich ist: Auferstehung. Das schafft nur der Glaube. Ein so oft strapazierter Satz des Dichters Antoine de Saint Exupery trifft da mitten hinein: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Die Menschen, die meinem verstorbenen Freund nahe waren, seine Witwe, seine Freunde, seine Bekannten, können es ahnen: Es muss noch mehr geben als den Tod. Das ist Ostern.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44151
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