Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Der heutige Gründonnerstag hat nichts mit der Farbe Grün zu tun. In der ersten Silbe steckt das Wort greinen, ein Synonym für weinen: Dem Gründonnerstag folgt die Nacht im Tal der Tränen.
Die Bibel berichtet: Jesus feiert mit seinen Jüngern ein letztes gemeinsames Abendmahl. Danach brechen sie auf zum Garten Gethsemane, wo sie die Nacht verbringen, bevor Jesus schließlich verraten und verhaftet wird.
Jedes Jahr aufs Neue berührt mich der Schmerz Jesu, der Schmerz dieser Nacht, wie ihn die biblischen Texte überliefern: Einsam und buchstäblich todtraurig ist Jesus. Mehrfach zieht er sich zum Gebet zurück. Nicht nur äußerlich umgibt ihn schwärzeste Nacht. Von Angst und Schweißausbrüchen ist da die Rede. Er leidet und ist der Verzweiflung nahe, sieht er doch die Stunde seiner Hinrichtung auf sich zukommen.
In dieser Situation täte die wachsame Nähe seiner Jünger und Freunde gut, aber die schlafen vor Erschöpfung immer wieder ein.
Wer je „die kummervollen Nächte" kennengelernt hat, wo man – wie es in einem Goethe-Gedicht heißt – „auf seinem Bette weinend saß", der weiß, wovon die Rede ist, wenn Jesus sagt: „Meine Seele ist zu Tode bekümmert …" (Markus 14,34)
Und doch ist es gerade dieser Satz Jesu, der mich so tröstet. Denn nun weiß ich, dass Jesus mehr als nur eine Ahnung hat vom menschlichen Leben, von den Stunden der Verzweiflung, wo man keinen Horizont mehr sieht und nicht weiß, wie es weitergehen soll.
Jesus hat das selbst durchlitten, und nur eines hilft in diesem Moment: wenn es jemand gibt, der solches Nachtdunkel der Seele zu sehen und mitzuempfinden imstande ist. Die Jünger um Jesus herum verschlafen den nötigen Beistand.
Gott aber, vor dem er sich betend niederwirft, hört ihn. – Jesus taucht nicht als geretteter Held aus diesem Nachtdunkel auf, sondern als Mensch voller Sehnsucht nach Nähe und Hilfe. Und gerade als solcher kommt er mir nahe, und ich fühle mich gesehen, gekannt und verstanden.
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