Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

31MRZ2026
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Immer, wenn ich mit der Bahn fahre, treibt mich die Frage um: Was würde ich tun, wenn die Zugbegleiterin verbal attackiert oder gar körperlich angegriffen würde? Gut die Hälfte von denen hat sowas schon am eigenen Leib erfahren. Erst vor kurzem kam sogar ein Kontrolleur dabei ums Leben. Seitdem sitzt vielen ständig die Angst im Genick. Manche suchen sich sogar einen anderen Job.

Eines ist klar: Sich einfach wegzuducken und wegzugucken, wenn ein Mensch in Gefahr gerät, wär die falsche Entscheidung. Nur in sein Handy zu glotzen, geht auch nicht. Wenn, dann allenfalls, um einen Notruf abzusetzen oder die Szene zu filmen. Ich aber frage mich: Hätte ich wirklich den Mut, mich einzumischen, den Angreifer anzusprechen? Traue ich mir zu, die Lage zu beruhigen, zu deeskalieren? Ehrlich – ich weiß es nicht, ob ich den Mumm dazu hätte.

Vielleicht würde ich Mitreisende direkt ansprechen und auffordern, aufzustehen, die bedrohte Person in die Mitte zu nehmen und den Täter zu umringen. Aufstehen statt wegsehen! Klar – auch das kann schon gefährlich sein. Erst recht, wenn man sich dazwischenwirft. Aber irgendwie muss man doch dem Angreifer signalisieren, dass seine Untat wahrgenommen wird und er nicht einfach ungeschoren davonkommt.   

Was ich mir heute auf jeden Fall vornehme: Wenn ich nachher den Fahrausweis zeigen muss, werde ich mich bei der Zugbegleiterin bedanken, sie freundlich ansprechen und fragen, wie es ihr in der Arbeit geht. Viele von ihnen sind dankbar für ein kleines Gespräch. Ein paar Worte nur und sie spüren, dass sie wertgeschätzt sind. Wertschätzung ist wichtiger als alle weiteren Schutzmaßnahmen fürs Begleitpersonal, die man gegenwärtig diskutiert.

Ein „Schaffner“, wie man sie früher nannte, überraschte vor kurzem alle Reisenden über den Bordlautsprecher mit einem Zitat, das dem mittelalterlichen Theologen und Philosophen „Meister Eckart“ zugeschrieben wird:

„Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige; immer ist der wichtigste Mensch der, der dir gerade gegenübersteht; immer ist die wichtigste Tat die Liebe".

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44146
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