SWR Kultur Wort zum Tag
Mein erster Ausflug als Kind in alpine Bergwelten endete schnell mit einer schlimmen Fraktur. Beim Skifahren habe ich mir das Bein gebrochen. Ich lag hilflos im Schnee, zum Glück haben mir mitleidige Menschen geholfen, mich von der Piste getragen und versorgt. Der Knochen wurde eingerenkt und das Bein eingegipst. Das ist lange her - aber die Narben in meinen Knochen kann man heute noch im Röntgenbild erkennen.
Das hebräische Wort für Knochen hat zwei Bedeutungen. Es kann auch das Schilfrohr meinen. Beides ist zerbrechlich. Schilfrohr, einmal geknickt, ist wertlos geworden. Manchmal kommen sich Menschen wie zerbrochenes Schilfrohr vor. Nicht nur, wenn sie einen Skiunfall hatten.
In der Bibel wird beim Propheten Jesaja von einem Mann erzählt, der das geknickte Schilfrohr nicht zerbricht und wegwirft. Er tut nicht das, was eigentlich wirtschaftlich wäre und vernünftig. Er tut nicht das, was nahe liegt. Er tut nicht, was durchaus recht und billig wäre. Billige Lösungen liegen nahe, aber für ihn ist etwas anderes wichtiger: Barmherzigkeit. Das Matthäusevangelium bezieht die Worte des Propheten Jesaja auf Jesus. Dessen Leib wurde zerbrochen am Kreuz. Aber noch im Tod blieb Jesus barmherzig.
Vielleicht muss man Brüche im Leben schon einmal selbst erlebt haben, um zu verstehen, wie kostbar das ist: Barmherzigkeit. Das gilt für Knochenbrüche, es gilt auch für die Brüche der Seele. Sie brauchen: Barmherzigkeit.
Menschen leben von Barmherzigkeit. Viele Menschen warten darauf. Sehnsüchtig. In vielen Ländern der Welt! Manchmal muss man Präsidenten daran erinnern. In einer so schrecklich oft erbarmungslosen Welt. Herr Präsident, seien Sie barmherzig!
Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen. Diese Botschaft der Barmherzigkeit klingt weiter, liebevoll und zugleich beharrlich. Selbst dort, wo auf den Straßen geschossen und gebrüllt wird, wo die Sprache der Gewalt regiert, das Recht der Bosheit herrscht. Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen. Menschen sagen diese Worte weiter. Und es gibt, seit der Zeit des Propheten Jesaja, immer mindestens einen Menschen, der im Namen der Barmherzigkeit protestiert, sich nicht abfindet, die Kraft zur Liebe und zur Vergebung aufbringt - wenn auch oft nur mit Tränen in den Augen.
Barmherzigkeit lässt leben. Mit den Brüchen im Leben, mit der eigenen, ganz persönlichen Geschichte. So dass die Narben des Lebens zu Linien werden, durchlässig für einen göttlichen Schein.
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