SWR Kultur Wort zum Tag

30MRZ2026
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Die Karwoche wird als „stille Woche“ im Kirchenjahr bezeichnet. Wirkliche Stille ist zu etwas ganz Besonderem geworden, für viele Menschen ist sie sogar sehr schwer auszuhalten. In Konzerten fällt mir das immer auf. Der Moment etwa, nachdem der Dirigent den Taktstock gehoben hat bis zu seinem Zeichen, dass die Musik endlich losgeht. Wie oft höre ich da ein Rascheln oder Husten.

Die Frage liegt nahe, warum es das überhaupt braucht, diese Stille. Diesen Moment der Aufmerksamkeit. Warum nicht gleich loslegen mit der Musik? Oder – um wieder zur Karwoche zu kommen – warum nicht gleich ins frühlings-fröhliche Ostern springen, am besten gleich ganz ohne Passionszeit.

Das kann man tun. Doch nicht nur mir fehlt dann etwas. Wenn ich wirklich aufmerksam sein will, mich sammeln, dann braucht es: Stille. Im Konzert gilt das für die Musik, auf die ich mich innerlich einstellen möchte. In der Karwoche geht es um ein Thema, das eine eigene Aufmerksamkeit benötigt. Es geht um den Tod. Ich glaube, es hat etwas mit Lebensklugheit zu tun, sich mit der eigenen Sterblichkeit zu konfrontieren. Nicht jeden Tag, aber doch immer wieder.

Manchmal haben Kinder eine besondere Sensibilität dafür. Ich erinnere mich an eine Schülerin aus der 4. Klasse. Große Augen, ein schmales Gesichtchen. Ich habe der Klasse die Frage gestellt: „Warum ist das wohl so im Leben, warum läuft nicht alles leicht?“

Viele Kinder melden sich, nach einer Zeit auch sie, mit konzentriertem Blick. „Weil,“ meint sie, „wir sonst nicht merken würden, wenn wir glücklich sind.“

Sie hat sich später noch mal gemeldet. „Meine Oma stolpert jetzt immer über die Schwellen in ihrem Haus“, sagt sie leise. Der Opa ist vor einem Jahr gestorben. Wir werden alle nachdenklich. Die letzte Schwelle ist der Tod. Der Opa hat der Oma oft geholfen. Jetzt ist sie allein. Wer trägt sie jetzt? Ich erinnere mich: Die Klasse hat die Stille nach ihren Worten ausgehalten, ungewöhnlich für eine vierte Klasse. Das hat allen gut getan. Auch mir.

Die Karwoche. Warten, aushalten, bis der himmlische Dirigent den Taktstock hebt und den Einsatz für die große Oster-Symphonie gibt. Für den Opa, der gestorben ist, für die Oma, die stolpert, für die Schülerin. Für mich. Für uns alle. Nach der letzten Schwelle. Dann darf es Ostern werden.

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