Begegnungen

Peter Annweiler trifft Wiltrud Bauer, „Erfinderin“ tiergestützter Seelsorge
Teil 1: Begegnungen mit Alpakas
Bei bester Frühlingssonne stehe ich auf einer Weide im saarländischen Schiffweiler, neben mir neben die „Erfinderin“ tiergestützter Seelsorge. „Tierisch“ neugierig bin ich und – schwupp – kommen ihre tierischen Mitarbeiter auf mich zu: Elf Lamas und Alpakas. Neugierig und kontaktfreudig, als ob sie auf mich gewartet hätten.
Die Tiere sind sehr zugewandt. Ein Alpaka kommt auf einen zu und schaut einem in die Augen, mit beiden Augen schaut es in deine Augen und man hat das Gefühl, da entsteht direkt eine Verbindung. Ein Alpaka ist zugewandt, es ist wahnsinnig neugierig, es will dich kennenlernen.
Und genau das spüre ich sofort. Fasziniert (wie ich bin) mache ich dann das, was Menschen gegenüber Vierbeinern halt so machen: Ich strecke meine Hand aus und will in das flauschige Fell fassen. Doch das mag mein Gegenüber gar nicht und wendet sich gleich wieder ab. Wiltrud Bauer weiß:
Gleichzeitig ist es zurückhaltend und achtet die Privatsphäre, weil es möchte die selber haben. Das sind Tiere, die sind uns Menschen gar nicht so unähnlich.
Also schon mal Respekt, liebe Alpakas, für diesen Auftakt: Zuviel Nähe am Anfang mag ich ja eigentlich auch nicht, eine tätschelnde Übergriffigkeit schon gar nicht. Schön, wie ich darüber gleich mit Wiltrud Bauer ins Gespräch komme. Sie hat den Kontakt mit den südamerikanischen Lasttieren „eigentlich“ gar nicht aktiv gesucht.
Dann bin ich zufällig auf dem Alpaka-Hof gelandet. Und ich habe die Tiere dort angeschaut und ich war verliebt. Es gibt so einen Spruch, der heißt, man darf dem Alpaka nicht so tief in die Augen schauen, weil das stiehlt einem die Seele.
Der wache und weite Blick: Er zeichnet auch die Seelsorgerin Wiltrud Bauer aus. Sie hat mit ihrer feinen und zarten Art ganz schnell gesehen, wie gut die Vierbeiner in Gemeinde und Seelsorge wirken können – und dann prompt eine Weiterbildung zur Fachkraft für tiergestützte Intervention gemacht. Heute setzt sie ihre Tiere ganz vielfältig ein: In der Arbeit mit Konfis, in der Begleitung von Trauernden oder in der Seelsorge mit psychisch Kranken. So oft wirken die Tiere im Kirchendienst ganz ohne Worte stärkend und heilend.
Wir hatten einen großen Termin im Altenheim hier in der Näheund eine Frau war ganz begeistert, die saß im Rollstuhl. Und dann steht sie aus dem Rollstuhl auf und läuft auf uns zu. Und dann sagt die Hausleitung zu mir: Das war jetzt ein echtes Wunder, die hatte einen schweren Schlaganfall … und seit sie aus dem Krankenhaus gekommen ist, hat sie nicht mehr laufen können, obwohl sie eigentlich hätte laufen können. Und in dem Moment, wo sie unbedingt zu dem Tier wollte, ist sie einfach aufgestanden und gelaufen.
Wie ein Wunder scheint das, ist aber keine Wunderheilung. Sondern eher eine wundervolle Begegnung.
Teil 2: Tiere als Mitgeschöpfe
Die 53jährige Wiltrud Bauer hat entdeckt, wie wirksam Tiere in der Seelsorge sind. Wenn sie mit ihren Lamas und Alpakas unterwegs ist, dann wird oft das wieder weicher, was sich bei Menschen in Krisen und Krankheit verhärtet hat.
Sie begegnen dem Alpaka und sie öffnen sich, sie lassen los, sie entspannen.
Und dabei passiert genau das, was für die Pfarrerin in der Seelsorge wesentlich ist.
Ich sag‘ immer so ein bisschen flapsig, wir spiegeln, was Gott eigentlich von uns will. Da-Sein, dem Menschen zugewandt Sein und Gucken, was dann passiert.
Wiltrud Bauers Bauers Tiere sind darauf trainiert, sich auf Menschen zu beziehen. Es ist, als ob sie damit Menschen helfen, von sich abzusehen – und „weiter“ zu werden. Tiere sind geschaffen und endlich wie wir. Sie entstammen dem selben Schöpfungs-Paradies – das hat allerdings der Mensch laut biblischer Erzählung aus dem Gleichgewicht gebracht und wird daraus ausgeschlossen.
Die Tiere haben sich da nie draus entfernt. In ihrem Dasein sind die immer noch diese Geschöpfe und die sind da nicht weg davon. Das verbindet uns und das trennt uns. Und dieses zurückzukommen zu dem Leben miteinander, zu schauen, wie bin ich als Geschöpf unterwegs.
Tieren zu begegnen – das bindet uns Menschen an die Schöpfung zurück. Und das wird in einern digitalen Welt immer wichtiger. Wenn SmartPhones vertrautere Begleiter als Tiere sind, wenn KI uns immer weiter entgrenzt, dann ist es höchste Zeit für eine neue Balance, meint Wiltrud Bauer:
Man muss nicht die Welt immer auf dem Display vom Smartphone sehen. Natürlich habe ich auch ein Smartphone und mache Fotos von meinen Tieren. Aber irgendwo muss man das auch mal weglegen und irgendwo muss man auch mal sein. Und zwar mit beiden Füßen auf dem Boden und mit der Nase atmend und mit den Händen was tun – und ich genieß das wahnsinnig.
Wiltrud Bauer regt mit ihren tierische Begleitern dazu an, sinnlich und geschöpflich im Leben zu stehen – und das kann gelingen, wenn Mensch und Tier gut aufeinander bezogen sind. Genau das können wir übrigens auch heute am Palmsonntag sehen. Bei seinen Lesungen spielt ja auch ein Tier eine prominente Rolle.
Der Esel beim Einzug in Jerusalem, der die Last der Welt auf den Rücken trägt. Ich habe ja so ein großes graues Lama, das ist ja so in bester Eselfarbe. Ich denke mir immer, das könnte wunderbar den Einzug nach Jerusalem darstellen. Jesus wusste ja, wo der Weg hinführt. Der Esel hat ihn da hingetragen und hat ihn dann eine Weile davon entlastet.
Wegweisend und entlastend also, wenn Tier und Mensch gut aufeinander bezogen sind. Ich wünsche Ihnen einen tierisch angeregten und weg-weisenden Palmsonntag.
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Mehr Infos zur Arbeit von Wiltrud Bauer:
https://www.seelsorge-tiergestuetzt.de/
