SWR3 Gedanken
Der Karfreitag ist ein Übungstag für mich. Ein Tag an dem ich übe hinzuschauen. Nämlich dahin, wo ich sonst so ungerne hinschaue. Auf das Leid, auf das, was weh tut.
Normalerweise schaue ich schnell weg. Weil mich das auch belastet. Ich schaue nicht gerne hin, wenn es um die Toten im Krieg geht. Um Krankheiten, die man nicht heilen kann. Wenn Menschen von ihrem Schicksal erzählen, das ich nicht ändern kann. Und am schnellsten schaue ich weg, wenn ich merke, dass ich selbst einen Fehler gemacht habe.
Der Karfreitag ist mein Übungstag da doch hinzuschauen. Ob dann was besser wird?
Als ein Kollege von seinen Problemen mit seinen Kindern erzählt, kommen andere Eltern auf ihn zu und sagen: Endlich erzählt mal einer darüber. Die Kinder sind nämlich im Autismusspektrum zuhause. Sie sind anders. Irgendwie bunt im Denken und Handeln, aber auch anstrengend. Es tut gut, wenn das jemand auch einmal ausspricht.
Und so gibt es natürlich viele Sachen die anstrengend sind und noch viel krassere Schicksale, viele Geschichten, viele Qualen in der Welt und es ist anstrengend, von ihnen zu hören, sie alle wahrzunehmen.
Aber ich denke: Wenn ich hinzusehen, wo man sonst lieber wegguckt, wenn ich das Leid auch ausspreche, hilft das denen, die mit diesen Schicksalen, Geschichten und Qualen tagaus, tagein unterwegs sind. Daran erinnert mich der Karfreitag, damit ich mich darin übe.
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