SWR Kultur Lied zum Sonntag
Ich schiebe mein Fahrrad. Das kommt wirklich selten vor. Aber jetzt: Das ist der letzte steile Anstieg nach über 90 Kilometern. Ich bin am Ende. Setze mich an den Straßenrand. Ich kann nicht mehr. Das ist eine Szene, die mir einfällt, wenn ich dieses Lied höre: You raise me up. Da heißt es: Wenn ich niedergeschlagen bin, meine Seele so müde ist, wenn ich Probleme habe und mein Herz schwer wird, dann warte ich, bis du kommst und dich zu mir setzt.
Musik
Fertig sein, niedergeschlagen sein. Das Lied findet Töne dafür. Für dieses Gefühl. Für all die kleinen und großen Niederlagen. Da werde ich bitter enttäuscht. Da klappt das mit der Stelle nicht. Da bleibt der Anruf von den Kindern aus. Da nützen die Medikamente nichts. Da wird der Frieden mit Füßen getreten. Da reicht die Kraft auf der Fahrradtour eben nur bis zum letzten Anstieg. Aber da erlebe ich, als ich am Straßenrand sitze: Da ist eine Hand. Streckt sich mir entgegen. Sagt mir: Komm, zusammen schaffen wir das. Und ich kann sagen: You raise me up. Du lässt mich aufstehen
Musik
You raise me up ist unglaublich populär. Coverversionen: Über 500. Darunter findet sich das Instrumental eines Bläserensembles, ein Jazzstück, eine italienische Version des britischen Tenors Paul Potts, die Schlagersängerin Helene Fischer hats aufgenommen und der Geiger David Garret.
Musik
Gesungen wird das Lied auch häufig in Kirchen und Gottesdiensten, von Jugend- und Gospelchören. Aber ist das überhaupt ein religiöses, ein christliches Lied? Auf den ersten Blick kaum: Glaube, Gott, Jesus, christliche Überzeugungen? Fehlanzeige. Doch ein zweiter Blick lässt sehen: Die Bilderwelt des Songs greift tief in die Kiste religiöser Sprache und Traditionen. stand on mountains / Auf dem Berg stehen: Das erinnert an Mose, der auf einem Berg die 10 Gebote empfängt, an Jesus, der seine Bergpredigt hält. walk on stormy seas / Über stürmisches Wasser gehen: Da gibt es die Geschichte, als die Freunde Jesu in Seenot geraten. Doch Jesus geht übers Wasser, kommt den Jüngern zur Hilfe. Ermutigt sie. Die können dann singen: You raise me up.
Musik
Das ist ein Song mit einer Menge Pathos. Dafür sorgt die bombastische Instrumentierung, aber eben auch das Versmaß. Jede Zeile hat fünf Betonungen. Ein traditionelles Schema mit großer Geschichte. Im Theater das Versmaß schlechthin. Eine Zeile, fünf Betonungen: You raise me up, so I can stand on mountains / Du richtest mich auf, damit ich sogar auf Bergen stehen kann.
Musik
Das Lied eröffnet einen großes Interpretationsspielraum. Auch, weil das You, das Du, unbestimmt bleibt. Das kann Gott sein. In vielen Psalmen wird Gott so angesprochen: „Du, Gott, komm mir zur Hilfe“ (Ps 71,2). Oder: „Du wirst mich befreien“ (Ps 31,5). Aber das Du, das kann auch der Mensch sein, der mir seine Hand entgegenstreckt und mir auf die Beine hilft. Mich staunen lässt, was gemeinsam alles möglich ist.
01 M0364929 01-001 5'04 Secret Garden: Just the two of us
02 M0105401 01-001 4'01 Groban, Josh: You raise me up
03 M0111327 01-017 4'14 Garrett, David: Encore
04 M0108546 01-001 4'51 Groban, Josh: A collection
05 M0564414 01-001 4'57 Secret Garden feat. Johnny Logan: You raise me up - The collection
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