SWR4 Abendgedanken
Am Osterfest vor zwei Jahren habe ich in Ghana, an der Westküste Afrikas, eine der Sklavenburgen besucht. Ein bedrückender Ort. Es war eine Festung, von der aus Hunderttausende von Menschen als Sklaven bewertet, eingepreist, verschifft und verkauf wurden.
Der ghanaische Pfarrer erinnerte an diesem Ort an die Geschichte von Judas, der Jesus für 30 Silberlinge verraten hat: „Was gebt ihr mir, dass ich euch verrate, wo Jesus ist?“ (Matthäus 26,15) Die Antwort der Verfolger, was ihnen das Leben Jesu wert ist, kommt sofort: „30 Silberlinge.“ Das war zu biblischen Zeiten der Preis, der für einen Sklaven bezahlt wurde. Er zeigt die Geringschätzung, die die Gegner Jesus entgegenbringen. In ihren Augen ist er ein Störenfried, nicht mehr wert als einer, der nicht dazugehört -einer, der beseitigt werden muss.
Ich spüre deutlich: Es ist für mich unmenschlich, wenn der Wert eines Menschen in Zahlen gemessen wird. Denn dann wird das Leben nur noch nach seinen Kosten und seinem Nutzen gefasst und nicht nach dem, was das Leben in seiner ganzen Breite ausmacht. Genau dafür stand Jesus.
Aber wie oft sind wir selbst in solchen Denkmustern unterwegs? Da wird Leben in Zahlen beschrieben, Schülerinnen und Schüler werden nach Noten beurteilt, Erwachsene nach Leistung und Effizienz, Beiträge im Internet nach Likes. Manchmal braucht es nur einen schlechten Tag, eine kleine Bemerkung, und schon fühlen wir uns weniger wert.
In der Passionsgeschichte wird Jesus tatsächlich für 30 Silberlinge verraten. Ein realer Verrat, eine reale Summe. Aber die Geschichte bleibt nicht dabei stehen. Sie mahnt uns: Kein Betrag kann den Wert eines Menschen festlegen, schon gar nicht den Wert Jesu.
Gott durchbricht an Ostern alle menschliche Logik. Gott setzt an Ostern einen anderen Wert für uns alle fest: Leben statt Tod. Und diese Rechnung gilt immer, jeden Tag.
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