Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

28MRZ2026
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Jedes Jahr im März finden internationale Wochen gegen Rassismus statt. Auch bei uns. Ob die vielen Veranstaltungen etwas dazu beitragen können, dass aus Fremden Freunde werden? Rassismus – das klingt immer so groß. Dabei geht es im Alltag oft um ganz kleine Schritte von Annäherung. Der syrische Autor Samer Tannous erzählt in seinem Buch „Kommt ein Syrer nach Rotenburg“ sehr unterhaltsam von den vielen kleinen Irritationen, die es braucht, damit Einheimische und Geflüchtete einander näherkommen. Mit seiner Familie lebt er seit zehn Jahren in Deutschland.  Eine meiner Lieblingsgeschichten aus seinem Buch geht so: Eines Morgens klingelt der Postbote bei Samer und bittet ihn, ein Paket für seinen Nachbarn anzunehmen.  Samer freut sich. Er stellt sich vor: Wenn der Nachbar später klingelt, um sein Paket abzuholen, wird er seine neuen Deutschkenntnisse an den Mann bringen und ihn in ein Gespräch verwickeln. Eifrig schafft er sich passende Sätze für einen Smalltalk drauf, träumt sogar davon, den Nachbarn hereinzubitten und auf einen Kaffee einzuladen. Endlich klingelt es. Samer öffnet die Tür. Der Nachbar hält ihm den gelben Abholschein von der Post vors Gesicht. Samer sagt Hallo; der Nachbar zeigt auf das Paket und Samer gibt es ihm. Der Nachbar sagt „Danke und tschüss“, Samer schließt die Tür. Und steht noch eine ganze Weile verdattert auf der Fußmatte und denkt darüber nach, was da wohl gerade schiefgelaufen ist.

Weil mich diese kleine Alltagsszene zum Schmunzeln bringt, kann ich mich auch fragen, wie ich mich wohl verhalten hätte, wenn ich den gelben Abholzettel von der Post in meinem Briefkasten gefunden und mich damit auf den Weg zum Nachbarn aus Syrien gemacht hätte. Hätte ich auch schweigend damit herumgefuchtelt? Wäre ich auch automatisch davon ausgegangen, dass ein geflüchteter Nachbar, der erst vor kurzem eingezogen ist, auf keinen Fall Deutsch kann und ich mich mit Händen und Füßen verständigen muss? Auf jeden Fall hätte ich den Mann natürlich nicht belästigen wollen. Woher soll ich auch wissen, dass es für ihn das höchste der Gefühle ist, mir seine Gastfreundschaft zu zeigen und mich hereinzubitten? In der Kultur, in der ich groß geworden bin, heißt das Höchste der Gefühle: „Klar reden wir mit unseren Nachbarn, aber „mir hend koi Hockerei“, sprich wir grüßen uns zwar freundlich im Treppenhaus, dringen aber niemals weiter als bis in den Flur einer anderen Wohnung vor. Das habe ich von Samer Tannous gelernt: Wer über sich selbst lachen kann, lernt auch auf andere zuzugehen.

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