Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

26MRZ2026
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In der Zeitung habe ich von einem Ehepaar aus Stuttgart gelesen. Die beiden gehen jeden Tag in ihrem Viertel spazieren und haben immer eine Mülltüte dabei. Dahinein kommt, was sie unterwegs auf Gehwegen, in Hecken und an Böschungen finden und einsammeln: leere Pizzakartons, Reste von Plastiktüten, Dosen und Kronkorken. Auch nach Zigarettenkippen bücken sie sich. Mit leeren Händen kommen sie nie nach Haus. Ich habe überlegt, ob das nicht auch etwas für mich wäre. Mit einer konkreten Aufgabe vor Augen würde ich vielleicht häufiger vor die Tür gehen. Und schon als ich das nächste Mal draußen unterwegs bin, ärgere ich mich, dass ich keine Tüte eingesteckt habe für all den Müll, der rechts und links herumliegt. Unfassbar, was ich alles entdecke, seit ich darauf achte. Warum ist mir das bisher nicht aufgefallen? Und selbst wenn, hat es mich jedenfalls kaum geschert. Es macht mich nachdenklich, dass ich mich dafür in keiner Weise zuständig fühle. Soll ich den Dreck von anderen wegmachen? Die Sauberkeit von öffentlichen Flächen ist schließlich Sache der Kommune.

Dem Stuttgarter Ehepaar scheint es da trotz klarer Zuständigkeiten ganz anders zu gehen. Kein Jammern darüber, wer den Dreck in ihrer Nachbarschaft verursacht hat und wer dafür verantwortlich wäre, ihn zu beseitigen; sie helfen einfach klaglos mit, eine Aufgabe zu bewältigen, die sowieso nie an ein Ende kommt. Sie übernehmen Verantwortung, weil ihnen an einer sauberen Umwelt gelegen ist. Und weil sie verstanden haben, dass die Folgen von Umweltverschmutzung alle betreffen; nicht nur diejenigen, die sie verursacht haben. In derselben Zeitung, die auf ihrer Lokalseite von dem Ehepaar berichtet hat, steht nämlich auch zu lesen, dass im Calypsograben, dort wo das Mittelmeer am tiefsten ist, gerade eine riesige Unterseemüllhalde entdeckt worden ist. Ein Trichter, der alles aufsaugt, was im Meer treibt. Und auch da begreife ich den Zusammenhang: Jeder Schnipsel, den ich vor meiner Haustür auflese, landet schon nicht dort und als Mikroplastik wieder auf meinem Teller. Ich habe beschlossen: Ich verlege meinen Frühjahrsputz in diesem Jahr einfach mal nach draußen - da brech ich mir schon keinen Zacken aus der Krone.   

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