Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Unser Nachbar hat schon im Februar seine Bäume und Büsche im Garten geschnitten – ganz vorbildlich! – bevor die Kraft der Pflanze in die Äste steigt und erste Knospen sprießen. Und zwei, drei Tage später habe ich - unter den kritischen Blicken meines Mannes - mehrere Armbeugen voll von seinem Schnittgut ins Haus geschleppt und in Vasen und Gläser drapiert. Die Antwort der Natur auf Wasser und Wärme hat nicht lange auf sich warten lassen: Erste Blätter sprießen, werden größer und grüner. Manche der unscheinbaren Stecken bilden sogar Knospen aus; deutlich erkenne ich die kegelförmigen Blütenrispen des Flieders. Und tags glänzen die ersten weißen Sternchen dran. Staunend stehe ich davor und meine, ein bisschen mehr zu begreifen von den Sätzen am Anfang der Bibel, die davon erzählen, dass Gott eine ganze Welt geschaffen hat. Aus dem Nichts. Und denke: So muss das wohl gewesen sein. Eben war da noch nichts. Und plötzlich regt sich Leben.
In einem Frühlingsgedicht von Theodor Fontane staunt nicht nur der Mensch über diese überwältigende Grünkraft. Da wundern sich sogar die Bäume selber über das, was ihnen Jahr für Jahr im Frühling widerfährt. Und obwohl sie schon viele, viele Lenze auf dem Buckel haben und es eigentlich wissen müssten, versetzt sie der Frühling jedes Jahr wieder in helle Aufregung. „Nun ist er endlich kommen doch in grünem Knospenschuh“ wispert der eine; und ein anderer stimmt zu: »Er kam, er kam ja immer noch«, die Bäume nicken sich's zu. Sie konnten ihn all erwarten kaum, nun treiben sie Schuss auf Schuss; im Garten der alte Apfelbaum, er sträubt sich, aber er muss.“ Nichts zu machen gegen die Kraft, die in ihm steckt seit jenem dritten Schöpfungstag, an dem die Erde zum ersten Mal frisches Grün hervorgebracht hat. Davon profitiert nun auch der Mensch, der wie ich den alten Apfelbaum im Garten noch skeptisch betrachtet: „Wohl zögert auch das alte Herz und atmet noch nicht frei, es bangt und sorgt: »Es ist erst März, und März ist noch nicht Mai.« Soll ich, darf ich mich schon herauswagen? Soll ich, darf ich mich entfalten, aufrichten, dem Licht entgegenstrecken, wachsen, blühen? Schön wäre es, wenn der alte Apfelbaum im Garten mich anstecken würde mit seiner Lebenslust: „O schüttle ab den schweren Traum und die lange Winterruh: Es wagt es der alte Apfelbaum, Herze, wag's auch du!“
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