SWR Kultur Wort zum Tag

27MRZ2026
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Ich wollte mit der ganzen Familie einen schönen Tag im Karlsruher Zoo verbringen. Ich stehe also mit meinen Kindern an der Schranke, die Tickets in der Hand – doch das Datum war falsch. Ein kleiner Tippfehler am Computer. Die Mitarbeiterin am Eingang hätte gerne geholfen, denn sie hat die enttäuschten Gesichter der Kinder gesehen. Aber sie sagte: „Ich kann nichts machen. Das System öffnet die Schranke nicht.“ Der Zoobesuch musste ausfallen.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat ähnliche Situationen auch schon erlebt. Er sagt: „Es gibt immer mehr Vorschriften und Regeln, die uns einschränken.“ Dann haben wir zwei Möglichkeiten: Wir können uns dem fügen, was uns vorgegeben ist. Oder wir handeln – dann entscheiden wir selbst, was in der Situation angemessen ist.

Die Mitarbeiterin im Zoo konnte nicht selbst entscheiden. Sie konnte mir noch nicht mal ein neues Ticket verkaufen. Sie war Teil eines starren Regelwerks aus Software, Regeln und Drehkreuzen. Rosa meint: „Wenn wir nur noch vollziehen, was Formulare oder Vorschriften uns vorgeben, fühlen wir uns unfrei. Wir funktionieren nur noch wie Maschinen - aber wer will so leben und arbeiten?“

Diese Frage ist schon in der Bibel ein Thema. Jesus hat sich mit Menschen gestritten, die unbedingt alle Regeln einhalten wollten. Sie kannten jedes religiöse Gesetz. Als Jesus am Sabbat einen kranken Mann heilen will, protestieren sie. Am Sabbat darf niemand arbeiten, also auch nicht heilen.

Doch Jesus handelt. Er kennt die Gesetze, doch er sieht den Menschen. Er sagt: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“

Jesus befreit uns aus der Rolle, nur Dienst nach Vorschrift zu machen. Er traut uns zu, dass wir Verantwortung übernehmen. Natürlich ist das anstrengender. Wer handelt, macht sich angreifbar.

Es geht nicht darum, alle Regeln abzuschaffen. Regeln helfen uns, sie sollen uns schützen und gelten für alle gleich. Doch es geht um unser Gespür für den Moment. In der Regel ist es zum Beispiel richtig, dass im Zug nur in die 1. Klasse darf, wer dafür bezahlt hat. Aber das Zugpersonal kann entscheiden: Heute sind wir zwei Stunden verspätet. Da erlauben wir den Leuten, die müde in den Gängen stehen, alle freien Plätze zu nutzen.

Wer nur Dienst nach Vorschrift macht, kann immer sagen: „Ich habe mich an die Regeln gehalten.“ Aber wir spüren, dass es manchmal einfach nicht passt. Dass es etwas anderes braucht. Ich wünsche Ihnen den Mut, zu handeln. Achten Sie auf die Momente, in denen Sie die Wahl haben. Wo entscheiden sie situativ, dass die Regeln nicht passen? Weil sie spüren, dass der Mensch gegenüber etwas anderes braucht.

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