SWR Kultur Wort zum Tag
Stellen Sie sich vor: Wir müssen nicht mehr zwischen Materie und Geist unterscheiden. Das zumindest behauptet der Physiker Hans-Peter Dürr. Er sagt: Materie und Geist sind nicht mehr zwei getrennte Welten. Was wir als festen Gegenstand wahrnehmen, ist eigentlich geronnener Geist.
Dürr argumentierte aus Sicht der Quantenphysik. Materie bestehe aus keiner Substanz oder irgendwelchen Teilchen, sondern ist nur ein Energiezustand. Licht, dass sich so „verknotet“ hat, dass es fest erscheint.
Das ist schon erstaunlich: Die feste Welt löst sich auf, sobald man genauer hinschaut. Sie wird durchlässig. Da lese ich von Neutronen, Elektronen, Elementarteilchen und Quanten. Es wird viel investiert, um die Materie zu entschlüsseln. Bei Genf laufen am CERN, der europäischen Organisation für Kernforschung, die größten Maschinen der Welt, um das alles besser zu verstehen. Wissenschaftler untersuchen hier das Wesen der Materie und die Kräfte, die das Universum zusammenhalten. Vielleicht würden sie es dort nicht so poetisch ausdrücken wie Hans-Peter Dürr. Aber im Grunde geben sie ihm recht: Materie ist gebundene Energie.
Jahrhundertelang haben wir die Welt eingeteilt: Hier die Materie – messbar und sichtbar, aber auch vergänglich. Dort der Geist – zeitlos, unvergänglich, göttlich. Zwei getrennte Reiche. Das eine Reich gehörte zu den Naturwissenschaften, das andere der Religion und Philosophie.
Oder um es mit den Worten des Apostels Paulus zu sagen: „Das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.“
Aber wenn alles nur Geist und Energie ist? Wenn Materie und Licht, Teilchen und Wellen ineinander übergehen? Dann gibt es diese saubere Trennung nicht mehr.
Mich macht das demütiger. Wenn selbst die härteste Materie im Grunde nur Energie ist, dann ist nichts so fest und unveränderlich, wie es scheint. Alles ist im Fluss. Alles ist wandelbar.
Dann bin ich nicht nur kurzzeitig Zuschauer in einem uralten Universum. Dann bin ich Teil eines Ganzen, in dem alles schwingt und miteinander verbunden ist. Und tatsächlich sagen manche Physiker heute Dinge, die vor hundert Jahren höchstens ein Philosoph oder eine Mystikerin gesagt hätten.
Wahrscheinlich war die alte Unterscheidung zwischen Materie und Geist ja schon immer zu einfach. Ein Modell, das uns geholfen hat, die Welt zu verstehen – aber eben nur ein Modell.
Die Wirklichkeit selbst scheint reicher, geheimnisvoller, durchlässiger zu sein. Materie ist gefrorenes Licht, sagen die Physiker. Dann sind vielleicht auch unser Leben, unser Körper, unser Bewusstsein – alles nur verschiedene Formen, in denen dasselbe - göttliche - Licht erscheint.
