SWR4 Abendgedanken
Manchmal stolpere ich über Geschichte an unscheinbaren Stellen. Zum Beispiel auf dem Gehweg. Vielleicht kennen Sie diese kleinen Messingplatten im Boden. Darauf stehen Namen. Geburtsjahre. Und oft ein letztes Wort: Deportiert. Ermordet. Diese sogenannten Stolpersteine erinnern an Menschen, die früher genau dort gewohnt haben. Nachbarn. Ladenbesitzer. Kinder. Diese Menschen sind Opfer der Nationalsozialisten gewesen.
In Esslingen steht auf einem Stein: Rolf Moritz Rosenfeld. Er war 13 Jahre alt, als er nach Ausschwitz deportiert wurde. Ein Jahr später wurde er ermordet.
Ich stelle mir vor, wie er hier einmal unterwegs gewesen ist. Vielleicht auf dem Weg zur Schule, vielleicht mit Freunden. Genau hier auf diesem Gehweg. Ich stelle mir vor, dass sein Leben genau hier stattgefunden hat – mitten in meiner Stadt. Und dann kam der Moment, an dem alles endete.
Wenn ich vor so einem Stein stehe, merke ich jedes Mal: Geschichte kommt mir plötzlich sehr nah. Hier geht es nicht mehr um ein Kapitel im Geschichtsbuch, sondern hier steht ein Name. Ein Mensch hat hier gelebt. Die Stolpersteine machen das sichtbar. Sie erinnern daran, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht irgendwo weit weg passiert sind. Sondern mitten in unseren Städten. In unseren Straßen, direkt vor meiner Haustür
Sie erinnern aber nicht nur, sondern bewirken auch etwas: Wenn ich die Namen auf den Steinen lese und ausspreche, dann benenne ich, was einmal war und gebe den Toten ein Stück Würde zurück. Menschen, die da aufgewachsen sind oder gelebt haben, wo ich gerade bin. Er oder sie ist womöglich die gleichen Wege gegangen, die ich gerade gehe.
Rolf ist 1942 13 Jahre alt gewesen. Ein Teenager mitten im Krieg. Er hat bestimmt Ideen, Träume und die Hoffnung gehabt, dass da noch was im Leben auf ihn wartet, eine Aufgabe oder irgendetwas. So wie ich es in diesem Alter auch gehofft habe. Er war an manchen Tagen bestimmt glücklich und an manchen traurig. So wie ich auch.
Wenn ich über solche Steine wie seinen stolpere, dann denke ich auch an die Worte in der Bibel: „Ich habe dich beim Namen gerufen, weil du in meinen Augen wertvoll bist“ (Jes 43, 1-4). Eine Zusage Gottes an jeden Menschen. Gott kennt uns, liebt und wertschätzt uns.
Rolf Moritz Rosenfeld aus Esslingen. 13 Jahre alt. Ermordet in Ausschwitz. Heute vor 84 Jahren fingen die Deportationen nach Ausschwitz an. Rolf ist ein Kind gewesen. Sein Stein mahnt mich, dass Erinnern eine Form von Würde ist. Rolfs Name bleibt und ist nicht vergessen.
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