SWR Kultur Lied zum Sonntag

22MRZ2026
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Musik: Aus der Tiefe

In die eigenen Tiefen hinabsteigen – das ist herausfordernd, mir kann dort einiges begegnen. Psalm 130 nimmt uns dahin mit, Heinrich Schütz hat ihn eindrucksvoll vertont.

Seine Kompositionen gleichen musikalischen Predigten, die viel tiefer unter die Haut gehen können als manches gesprochene Wort. Dem Komponisten sind die biblischen Texte so wichtig, dass er sogar einem Schüler empfiehlt, Hebräisch zu lernen, weil, wie er sagt, „das nützlich sein könnte bei der Vertonung eines Textes aus dem Alten Testament.“

Der Sänger in Psalm 130 ruft aus der Tiefe. Das hebräische Wort dafür meint an anderen Stellen der Bibel „Meerestiefen“. In der Psychologie steht das Meer oft für das Unbewusste, für das, was mich in der Tiefe meiner Seele bewegt und antreibt – manchmal zu Dingen, die ich eigentlich gar nicht will. Diese unbewussten Meerestiefen drückt Heinrich Schütz mit starker musikalischer Kraft aus – der Akkord, den er auf „Tiefe“ verwendet, wirkt schillernd, nicht greifbar – wie eben so manche Tiefe einer Seele.

Musik: Aus der Tiefe ruf ich, Herr, zu dir

Der Psalmbeter verliert sich nicht in seiner Tiefe. Er tritt in einen Dialog mit Gott und bestürmt ihn regelrecht. Er möchte gehört werden in dem, was ihn bedrängt: „Herr, höre meine Stimme!“

Musik: Herr, höre meine Stimme!

Schließlich bekommt der Abgrund, der die Seele des Sängers bedrängt, einen Namen: Sünde. Nun könnte jemand denken: Ach, die katholische Kirche wieder mit ihren Sünden und Moralpredigten! Doch das hebräische Wort awonoth zeigt nicht moralisierend auf das, was ich falsch mache. Es stammt von einem Wort ab, das soviel wie „krumm sein“ bedeutet. Es bezeichnet alles, was in einer einzelnen Seele, aber auch in dieser Welt so schrecklich krumm und verwirrt und verwickelt ist. Das, was Menschen falsch machen, und das, was dadurch an Schuldverstrickungen entsteht. All die hochkochenden Kriege und Konflikte dieser Zeit. Ich fühle mich dem oft so hilflos ausgeliefert, kann nichts daran ändern, obwohl ich mich so sehr nach Frieden sehne.

Musik: Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!

„Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens“, ruft der Sänger des Psalms, denn auch er sehnt sich nach Frieden. Und doch scheint er irgendwie zu spüren, dass auch die Verstrickungen seiner eigenen Seele in die Welt ausstrahlen.

Heinrich Schütz malt das Wort „Sünden“ mit Hilfe von sich reibenden Harmonien stark aus. Und daneben erklingt die Gewissheit: Gott wird sein Volk erlösen aus allen seinen Sünden, die ihm über den Kopf wachsen:

Musik:Denn beim Herren ist die Gnade, und viel Erlösung bei ihm. Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

 Der Sänger des Psalms weiß: Er kann die Verstrickungen dieser Welt nicht einfach auflösen. Aber er weicht dem, was dunkel ist, nicht aus, auch nicht bei sich selbst. Und er wartet darin vertrauensvoll auf Gott und seine Hilfe, auch wenn er noch kein Licht sieht.

Mit ihm kann auch ich mich in die eigenen Tiefen wagen und immer mehr von Gott wandeln lassen, was darin dunkel ist. Frieden fängt in mir an und in meinen Tiefen.

Musik: Aus der Tiefe ruf ich, Herr, zu dir!

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