SWR4 Sonntagsgedanken
Jetzt im Frühjahr geht es wieder los: Die Weidesaison startet! Und wenn ich mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs bin, stehen sie plötzlich da: Schafe auf einer Wiese am Straßenrand. Meistens passiert nicht viel. Die Tiere grasen, heben kurz den Kopf und kauen dann weiter. Ab und zu sehe ich auch den Schäfer. Und ich bemerke dann, dass er eine ganz schön verantwortungsvolle Aufgabe hat. Der Schafshirte darf das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren. Und gleichzeitig muss er auf jedes einzelne Tier aufpassen! Er geht einfach mit den Schafen mit und bleibt aufmerksam – auch wenn es unscheinbar wirkt.
Genauso erzählt die Bibel von Gott – das Bild vom guten Hirten ist ja eines der bekanntesten Bilder in der Bibel. Es ist ein tröstender Vergleich: Jesus Christus ist derjenige, der sich um seine Schafe kümmert, sie beschützt und dafür sorgt, dass alles Lebensnotwendige da ist.
Doch der Vergleich sagt noch viel mehr aus: Ein Hirte ist ja einer, der immer wieder für andere in den Dreck geht. Der Hirtenberuf ist unglamourös, staubig, und man muss bei jedem Wind und Wetter ausharren. Er bedeutet harte Arbeit, wenig Freizeitausgleich, und enge Nähe zu den Tieren. Wenn Jesus sich selbst als Hirte sieht, dann wählt er bewusst ein Bild, das Mühe und Dreck betont.
Christen glauben, dass Jesus in der Art, wie er geredet und sich verhalten hat, gezeigt hat, wie Gott ist. Glanz und Glamour sind ihm nicht wichtig. Stattdessen ist Gott dort, wo Menschen wortwörtlich im Dreck sind. Da wo sie übersehen, verachtet und gebrochen sind. Gott bleibt eben nicht dort, wo es sauber und vorzeigbar ist.
Die Bibel beschreibt immer wieder genau das: Jesus berührt die Unberührbaren. Er beugt sich nach unten zu den Ausgestoßenen. Jesus teilt das Schicksal der Verachteten bis ans Kreuz. Der gute Hirte bleibt nicht sauber. Er begibt sich hinein in das, was kaum auszuhalten ist: Schuld, Angst, Krankheit, Einsamkeit. In dem Hirten zeigt sich Gott, der mitgeht, mitleidet und dreckig wird!
Das Bild vom guten Hirten gibt es schon im ersten Testament. Manche haben die Sätze aus Psalm 23 noch aus der Schule im Ohr „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Besonders markant ist der letzte Vers: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang“. Wörtlich steht dort eigentlich: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir nachjagen mein Leben lang.“ Das ist kein sanftes Hinterhergehen, sondern Gott bewegt sich entschlossen auf die Menschen zu. So zeigt sich Jesus als Hirte: Er bleibt, auch wenn man ihn nicht spürt. Wenn jemand die Orientierung verliert, geht er nach. Er ist da, auch wenn es dunkel wird.
Jesus als der gute Hirte bemerkt, wenn es mir nicht gut geht und läuft unbeirrbar nach und bleibt fest und unerschütterlich an der Seite. Mir gibt das viel, dass Jesus fest versprochen hat, bei mir zu bleiben. – auch wenn ich von seiner Nähe gerade im Alltag nichts spüre.
Und dann gibt es noch die Geschichte in der Bibel, wo der Hirte das Schaf sucht, das der Herde abhandengekommen ist. Der gute Hirte holt das Verlorene nach Hause!
Psalm 23 beschreibt, dass der gute Hirte nicht von der Seite der Schafe weicht. Und so ist auch Jesus selbst in unserem Leben immer da. Er läuft uns hinterher und er bleibt bei uns! Jesus ist kein Hirte, der irgendwo darauf wartet, bis wir uns mühsam zu ihm durchgekämpft haben. Er ist der, der uns entgegenkommt.
Jesus will auch uns nach Hause bringen – nämlich ganz nah zu Gott. Das passiert in normalen Situationen, mitten im Alltag.
Ab und zu zweifle ich und denke, dass ich die nächste Herausforderung bei der Arbeit niemals schaffe. Doch dann spüre ich, dass Jesus da ist, dass er neben mir geht, auch wenn ich es nicht sehe. Und ebenso ist er da, wenn ich mich schäme oder innerlich wie leer und abwesend bin.
Jesus ist der Hirte, der von sich sagt: „Ich kümmere mich und sorge für euch.“ Er kommt in mein Leben – mitten in den Lärm, die Stolpersteine, und an die kaputten Ecken. Er steckt nicht die Nase weg, sondern er taucht ein mitten in den Alltag. Genau so ist Jesus: Er läuft mit durchs Leben und verliert selbst bei einer großen Herde nicht den Überblick.
Bei den Schafen auf der Wiese, habe ich die Stimme des Schäfers gehört. Das war kein lautes Antreiben. Eher ein ruhiges Sprechen. Und die Tiere haben ganz gelassen darauf reagiert. Sie sind dann ganz selbstverständlich mitgelaufen.
Das hat etwas in mir ausgelöst. Und ich habe mir vorgenommen, dass auch ich bewusst auf die innere Stimme von Jesus hören will. Denn er weiß genau, wo es gut und sicher für mich ist. Jesus sagt zu mir: „Du bist nicht allein – ich gehe jeden Schritt mit dir.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44067