Begegnungen

Felix Weise trifft Nana Myrrhe
Kein Sex vor der Ehe. In den christlichen Kreisen, in denen ich aufgewachsen bin, war das durchaus eine Position, die manche vertreten haben. Gerade, weil mir das so bekannt vorkam, war ich gespannt auf mein Gespräch mit Nana Myrrhe. Sie ist mit solchen Einstellungen aufgewachsen und hat sich erst als Erwachsene von der sogenannten purity culture distanziert. Worum geht es da genau? Nana Myrrhe beschreibt purity culture als…
…eine Atmosphäre, in der sehr strenge Regeln in Bezug auf alles, was mit Sexualität zu tun hat gelten. Und das umfasst ganz viele Verbote und findet oft in religiösen Gruppen statt, kann aber auch in sehr konservativen Familienumfeldern so sein.
Verboten ist nicht nur Sex bevor mein heiratet, sondern noch mehr:
Beispielsweise Masturbation ist verboten, weil das als Sünde gilt in diesen Kontexten. Dating vor der, Ehe ist auch verpönt, eher, weil es auch zur Sünde verleitet. Am besten soll man schon die Person irgendwie kennenlernen, aber jetzt nicht so in dem romantischen Kontext treffen, weil sonst könnte ja was passieren. Queerness gilt als Sünde, als verboten
Schwierig wird es vor allem, wenn jungen Menschen vermittelt wird, dass nur wer sich an die Regeln und Verbote der purity culture hält, seinen Glauben richtig lebt:
…weil die Pubertierenden sitzen ja da und merken sie haben Sexualhormone, sie sind betroffen und unterdrücken sich dann ganz, ganz stark. Das kann zu sexuellen Funktionsstörungen führen, das kann einfach zu einem krassen Selbsthass, also einer extremen psychischen Belastung führen. Das ist mir sehr wichtig zu sagen Ich. Das geht bis hin zu Suizidalität für Gedanken, die komplett normal sind, für Pubertierende, für Jugendliche.
Wenn solche extremen Verbote und Regeln als Last empfunden werden – warum haben sie sich in manchen freikirchlichen Gemeinden, aber auch landeskirchlichen Kreisen trotzdem durchgesetzt? Ein Grund:
Es ist auch eine Aufwertung, eine innere spirituelle Aufwertung von sich selbst. Das habe ich bei mir auch gemerkt. Ich hatte ganz, ganz wenig Selbstbewusstsein und habe mich dann, wie viele andere auch super stark angefangen zu identifizieren. Darüber, dass ich das in dieser Welt, die so unmoralisch ist, als einzige, quasi als eine der wenigen Auserwählten, richtig mach und wirklich rein bin und wirklich damit heiliger und näher bei Gott bin. Und das ist ja ein totales Missverständnis von wer Gott ist, finde ich. Aber ich habe daran geglaubt, dass Gott denen auch näher ist, die da mehr investieren.
Nana Myrrhe hat ein Buch über diese Erfahrungen, über ihr Aufwachsen in konservativen Kreisen, in denen eine rigide Sexualmoral gelehrt wird, geschrieben. „Feucht und Fromm“ Sie erzählt, dass sich bei ihr erst etwas verändert hat, als sie mit ihrem Ehemann das erste Mal versucht hat zu schlafen.
Diese Regeln jahrelang einzuhalten in Bezug auf eben ich muss warten um jeden Preis mit penetrativem Sex auf meine Ehe, um dann zu merken, wenn man dann so weit ist und dann das erste Mal versucht zu haben, dass es gar nicht geht, weil man so massivste Schmerzen hat, weil man dann merkt, man hat eine sexuelle Funktionsstörung, die dann bei mir diagnostiziert wurde, ist einfach mein Turning Point gewesen und auch der Moment, wo ich gemerkt habe, das ganze System geht nicht auf.
Ich finde es erstaunlich, dass meine Gesprächspartnerin, nachdem der Glaube ihr auch so viele schlechte Erfahrungen gebracht hat, nicht eine eigentlich nachvollziehbare Konsequenz gezogen hat: Mit dem christlichen Glauben zu brechen. Sie bezeichnet es selbst als kleines Wunder, dass sie noch glaubt.
Das Gottesbild, das ich hatte, war sehr negativ, also ein sehr strafender, sehr willkürlicher Gott und ein sehr kontrollierender Gott. Und an den glaube ich heute nicht mehr. Ich glaube an den Gott der Liebe. Und es wird zwar in den Gemeinden, wo ich herkomme, zwar auch gesagt und auch immer wieder betont, dass Gott die Liebe ist. Daran sind Bedingungen geknüpft. Wenn du die nicht hältst, dann verwandelt sich Gott in das strafende Monster, der einen in die Hölle schicken will.
Unsere Gottesbilder sind auch immer menschlich beeinflusst – das finde ich nachvollziehbar. Wie unterscheidet man dann aber, was menschengemacht ist von dem, wie Gott wirklich ist?
Ich denke, das ist tatsächlich einfacher als man denkt. Alles, was schadet, kommt nicht von Gott. Alles, was heilt und was aufrichtet und was Menschen weiterhilft, dahinter steckt Liebe. Und dahinter steckt meiner Überzeugung nach göttliche Energie.
Gott in dem, was lebensförderlich ist. Ich überlege: Liegt dann ihrer Meinung nach in einer gesunden Sexualität auch etwas Heiliges?
Ich bin heute fest davon überzeugt, dass Sexualität auch eine Form der Anbetung sein kann.
Das ist steil formuliert. Und vielleicht für den ein oder anderen zumindest eine herausfordernde These. Vielleicht etwas weniger Steil gefragt. Hat der christliche Glaube etwas zu Fragen des Umgangs mit der Sexualität beizutragen?
Ich glaube, aus den christlichen Werten von beispielsweise Nächstenliebe ergeben sich bestimmte Regeln. Ehebruch ,also gerade dieses Hintergehen von einem Partner ist unchristlich. Das würde ich schon beispielsweise so sagen. Die Bibel gibt uns viel zu Bedenken, auch beim Thema Sexualität, aber es geht nicht, dass man einfach sagt, wir möchten jetzt die Regeln aus der alttestamentarischen Zeit wie eine Schablone auf die heutige Zeit legen und behaupten, dass man nur heilig und ein guter Christ sein kann, wenn man enthaltsam lebt

Das Buch „Feucht und Fromm“ kann direkt auf der Homepage der Autorin bezogen werden: https://www.nanamyrrhe.de/
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44056