Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

16MRZ2026
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Es gibt bei uns Tiere, die nur wenige Menschen zu Gesicht bekommen. Und wenn sie gesichtet werden, erhitzen sie die Gemüter. Der Wolf gehört sicher dazu. Seit einiger Zeit streift er vereinzelt durch die Wälder des Nordschwarzwaldes.

Kaum ein Tier polarisiert so stark. Für die einen ist der Wolf ein Stück Wildnis, das zurückkehrt. Für die anderen scheint er so etwas wie eine Feindbild zu sein. Im Märchen ist der Wolf fast immer der Böse: Er frisst Großmütter, bedroht Kinder, schleicht durch dunkle Wälder. Solche Bilder entstehen nicht zufällig. Sie bilden ab, dass der Wolf für Menschen gefährlich war. Und die Gefahr dürfte umso größer gewesen sein, je enger der Mensch mit seinen Nutztieren zusammenlebte. Der Wolf war und ist ein Raubtier. Da hat sich nichts geändert.

Geändert hat sich, dass wir heute nicht mehr in einer Naturlandschaft leben. Wir leben in einer Kulturlandschaft. Das bedeutet, dass wir nahezu jeden Bereich der Natur bewirtschaften und wir entscheiden, was dort wächst und lebt. Das kann man gut finden, oder nicht. Es ist so. So hat es sich entwickelt. Und in dieser Kulturlandschaft hatte der Wolf einfach keinen Platz mehr. Er wurde verdrängt und verfolgt bis er aus unseren Breiten vollkommen verschwunden war.

Jetzt kehrt er zurück. Manche nennen das ein Problem. Und ich verstehe das. Wenn ich bei mir zu Hause im Wald unterwegs bin, weiß ich, dass hier ein Raubtier unterwegs ist, das mir durchaus gefährlich werden könnte. Und da gibt es angenehmere Gefühle.

Darüber hinaus gibt es Menschen, die von der Bewirtschaftung unserer Kulturlandschaft leben. Für manche ist der Wolf wieder eine Bedrohung ihrer Existenz und ich finde, das sollten wir ernst nehmen.

Trotzdem möchte ich an dieser Stelle einen Gedanken auch noch loswerden: Der Wolf ist, wie wir, ein Teil der Schöpfung. Es gibt ihn und darum hat er in meinen Augen ein Existenzrecht. Das kann und will ich ihm nicht leichtfertig absprechen. Ich fände es gut, wenn wir dem Wolf einen Platz einräumen. Aber es ist ein Platz in einer Kulturlandschaft und darum kann es manchmal notwendig werden, ihm Grenzen zu setzen. Dann nämlich, wenn er seine natürliche Scheu vor uns Menschen verliert. Oder wenn er sich verstärkt an Weidetieren vergreift.

Als Teil der Schöpfung ist es wohl unsere Verantwortung, für ein möglichst reibungsloses Nebeneinander und Miteinander zu sorgen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44035
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