SWR Kultur Lied zum Sonntag

15MRZ2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Impro Kay Johannsen

Ach! Das ist eigentlich gar kein richtiges Wort. Das ist mehr ein Ächzen, ein Seufzen. Ein Zeichen: Es ist schwer gerade. Zu viel. Zu verfahren. Es tut weh.
Ach – mit diesem Seufzer beginnt unser Lied zum Sonntag heute. Christian Gregor, ein Geistlicher der Herrnhuter Brüdergemeine, hat es 1767 geschrieben. Sein Seufzer geht aber nicht ins Leere. Er hat ein Gegenüber: Ach, mein Herr Jesu!

Orgelfassung Schneider

Ach, mein Herr Jesu, wenn ich dich nicht hätte,
und wenn dein Blut nicht für die Sünder red’te,
wo wollt ich Ärmster unter den Elenden
mich sonst hinwenden?

Ich wüsste nicht, wo ich vor Jammer bliebe;
denn wo ist solch ein Herz wie deins,voll Liebe?
Du, du bist meine Zuversicht alleine,
sonst weiß ich keine.

Ach, mein Herr Jesu… Mich berührt das Lied jedes Mal, wenn ich es singe. Weil ich diesen Seufzer so gut nachvollziehen kann. Ja, ich kenne solche Momente: Momente, in denen ich merke, dass ich gerade in eine Sackgasse geraten bin. Dass ich etwas getan habe, was ich nur schwer wieder gut machen kann. Oder etwas gesagt habe, das andere sehr verletzt hat. Ich weiß: Es ist meine Schuld. Aber ich weiß nicht, wie ich da wieder herauskomme. Und wo ich mit all dem hinsoll in meinem Jammer.
Christian Gregor, der Liederdichter, kommt mit seinem Elend zu Jesus. Er weiß: Jesus kann er das alles anvertrauen. Auch die dunkelsten Kapitel seines Lebens. Weil Jesus niemanden wegschickt. Sondern da ist und zuhört – mit seinem Herz voll Liebe. Weil er am Kreuz gestorben ist für alle, denen ihre eigene Schuld über den Kopf wächst.
Ich bin dankbar für die Worte des alten Liedes. Weil mein Vertrauen oft nicht so weit reich. Aber das Lied kann ich mitsingen und mir sein Vertrauen eigen machen. Gerade jetzt in der Passionszeit. Ich kann mich vergewissern: Was immer passiert ist in meinem Leben, ich bist nicht allein damit. Ich habe einen, der zuhört: Ach, mein Herr Jesu!

Impro Kay Johannsen

Wenn ich das Lied auf die Melodie des alten Passionschorals singe, dann nimmt die Musik den anfänglichen Seufzer auf und verlängert ihn. Und der Text gibt ihm eine Sprache über das wortlos Seufzende hinaus. Das geht mir nahe. Besonders mag ich die dritte Strophe:

Hättst du dich nicht zuerst an mich gehangen,
ich wär von selbst dich wohl nicht suchen gangen;
du suchtest mich und nahmst mich voll Erbarmen
in deine Arme.

Ich empfinde das auch so: Glauben, Gottvertrauen – das ist nichts, was von mir selbst ausgeht. Das Gefühl, dass Gott mich in seine Arme nimmt, das ist ein Geschenk. Es ist manchmal da, wenn ich an es am wenigsten erwarte. Und vielleicht auch am wenigsten verdiene. Ich suche Gott oft nicht. Aber er sucht mich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44026
weiterlesen...