SWR4 Abendgedanken
Ich mag Listen. Ich nutze sie gerne beim Arbeiten, um mich zu sortieren. Aber auch in meiner Freizeit notiere ich mir gerne alle To-Dos der Reihe nach. Doch am allermeisten gefällt mir eine ganz besondere Liste. Sie nennt sich „Lebenswertliste“. Darin tragen ganz unterschiedliche Leute zusammen, warum ihr Leben gerade lebenswert ist. Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung sammelt diese Alltagsmomente und veröffentlicht jede Woche eine neue Ausgabe davon. Menschen benennen darin ganz kurz, was ihnen in der vergangenen Woche Gutes passiert ist oder was ihnen gutgetan hat. Da lese ich zum Beispiel: „Nach Fehlkauf das Goldrichtige bekommen“, „Mein Medikament wirkt“, oder „Spontane Tanzeinlage beim Wäscheaufhängen“.
Ich schaue mir diese Liste jede Woche an und bin jedes Mal super gespannt, was drinsteht. Und ich weiß auch warum: Wenn Menschen ihre kleinen Alltagshighlights teilen, dann habe auch ich irgendwie Anteil an diesem Glück. Und manchmal male ich mir auch aus, welche Geschichten hinter den kurzen Stichworten stecken könnten. Wenn jemand schreibt „Ja sagen“, dann überlege ich mir, ob dahinter ein Heiratsantrag steckt, oder ob da jemand ein mutiges Ja zu einem herausfordernden Job gesagt hat. Und wenn ich lese „alleine einen Städtetrip machen“, erinnere ich mich daran, wie ich letzten Sommer ein paar Tage nur für mich weggefahren bin. Beim Stichwort „neuen Lieblingskuchen entdeckt“, habe ich auch richtig Freude. Denn dann ploppt bei mir innerlich der leckere Apfelkuchen meiner Oma auf.
Die Lebenswertliste zeigt mir, wie unterschiedlich Glück aussehen kann. Für die einen ist es in Bewegung bleiben, für die anderen eine feste Routine haben. Für manche ist es in Gemeinschaft sein und wieder andere wollen endlich mal die Ruhe genießen. Alles darf nebeneinanderstehen, ohne verglichen zu werden. Das ist das Schöne an der Lebenswertliste: Sie zeigt, dass es kein richtig oder falsch gibt, wenn es darum geht, was Menschen glücklich macht.
Und die Liste macht noch etwas: sie schärft meinen Blick für die kleinen Freuden bei mir selbst. Für das, was sonst so leicht untergeht, weil es selbstverständlich wirkt oder keinen Namen bekommt. Denn diese kleinen Erfahrungen wie „ein dickes Buch zu Ende lesen“ oder „Morgenluft nach einer Regennacht“ passieren meistens ohne, dass man sie so richtig anerkennt oder feiert.
Und manchmal, wenn ich eine der wöchentlichen Lebenswertlisten lese, ertappe ich mich dabei, wie ich gedanklich meine eigenen Punkt dazusetze und mich daran erinnere was im besten Sinne „lebenswert“ war an dieser Woche oder am heutigen Tag.
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