SWR4 Abendgedanken
„Wenn möglich, bitte wenden“, das klingt wie die Ansage von meinem Handy, wenn mir Google-Maps mitteilt, dass ich mich mal wieder verfahren habe. Aber tatsächlich ist es dieses Jahr mein persönliches Motto für die Fastenzeit.
Die Idee dazu habe ich aus der Bibel, dort lese ich: „Kehr um und glaub an das Evangelium“. Umkehr ist das große Thema der christlichen Kirchen in der Zeit bis Ostern. Für mich klingt das Wort ein bisschen altbacken. Und vor allem nach einer ziemlich großen Aufgabe, die ich nicht einfach locker nebenher umsetzen kann.
Was im Deutschen mit „Umkehr“ übersetzt wird, steht im Originaltext der Bibel anders. Da ist eigentlich von „Umdenken“ die Rede und damit kann ich schon viel mehr anfangen. Dieses Jahr in der Fastenzeit heißt „umdenken“ für mich, dass ich aus meinen Routinen ausbrechen möchte. Ich denke also meinen Alltag um. Denn ich will in der Fastenzeit nicht einfach nur im Automatikmodus leben: Aufstehen, zur Arbeit gehen, zu Abend essen und wieder ab ins Bett. Ich will versuchen Bei einem kleinen Teil meines Tages neue Routen einzuschlagen.
Ganz konkret kann das so aussehen: ich koche ein Rezept, dass ich schon ewig mal ausprobieren wollte. Oder lese ein Gedicht, obwohl ich sonst lieber Krimis mag, oder ich besuche einen Sportkurs in meinem Fitnessstudio, den ich vorher noch nie gemacht habe. Vielleicht gelingt es mir auch umzudenken, wenn ich mit anderen Menschen zu tun habe. Dass ich im Gespräch nicht gleich meine vorgefertigte Meinung rauslasse, sondern erst mal richtig hinhöre, was mein Gegenüber mir eigentlich sagen will.
Anstelle meiner gewohnten Alltagsroutine, möchte ich ganz bewusst Neues ausprobieren. Wenn möglich! Es geht nicht darum mein gesamtes Leben umzukrempeln und das zwanghaft jeden Tag zu schaffen. Aber ich möchte es versuchen. Zumindest eine Sache will ich anders gestalten, eben bewusster. Im besten Fall läuft sie dann nicht nur nebenher, sondern ich bin mit voller Aufmerksamkeit dabei.
Umdenken meint also eigentlich im Moment präsent sein; zu merken, was gerade wichtig ist. Und gedanklich nicht schon bei den nächsten zehn Aufgaben hängen – wie ich es sonst von meinem Alltag im Autopiloten kenne.
Und vermutlich gelingt mir das nicht jeden Tag. Aber wenn ich dann bemerke, dass ich zu schnell wieder in alte Muster verfalle, dann kann ich mich nochmal an mein Motto für die Fastenzeit erinnern. „Wenn möglich, bitte wenden“. Wie auch bei meinem Navi, erinnert es mich daran, die Richtung zu wechseln, ohne Druck und Vorwürfe. Ich kann es einfach versuchen, einen anderen Weg nehmen, neu anfangen und umdenken.
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