SWR4 Abendgedanken

10MRZ2026
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Einfach wunderbar, wenn auf einmal etwas so ist wie man sich das schon lange gewünscht hat.

Ich habe das jetzt auch erlebt, denn der Kellner in meinem Lieblingscafé kennt seit kurzem meine Bestellung auswendig. Wenn ich komme, fragt er nur noch „Wie immer?“, oder er bringt mir meinen Cappuccino einfach so. Wie gut mir das tut, zu wissen, dass ich nicht nur eine Kundin unter vielen bin. Sondern, dass jemand mich als Person wahrnimmt und sich gemerkt hat was ich mag. Das ist so aufmerksam!

Gesehen werden verbindet. Nicht nur in meinem Lieblingscafé. Überall gibt es Menschen, die mir häufig über den Weg laufen. Sei es morgens beim Warten auf die Straßenbahn oder beim Trainieren in der Boulderhalle. Nicht immer entstehen Gespräche, aber man nimmt sich gegenseitig wahr und manchmal reicht schon ein kleines Lächeln oder ein kurzes Zunicken um zu sagen. „Ich sehe dich“.

Verbindung kann also dann entstehen, wenn man nicht über andere hinwegschaut. Einer, der das ziemlich gut hinbekommen hat, war Jesus von Nazareth. So jedenfalls schildert es die Bibel. Für mich macht das eine Erzählung besonders deutlich:

Jesus ist gerade mit seinen Freundinnen und Freunden unterwegs. Um ihn herum drängeln sich viele Leute. Alle wollen ihn sehen. In der Menge ist auch Zachäus. Er ist ein Außenseiter. Keiner kann ihn so richtig leiden, weil er als Zollbeamter viel zu hohe Steuern verlangt und sich das Geld auch noch in die eigene Tasche steckt. Weil Zachäus wegen der vielen Leute nichts von Jesus sehen kann, klettert er kurzerhand auf einen nahegelegenen Baum. Von dort hat er die ganze Lage im Blick und bekommt endlich Jesus zu Gesicht.

Und auch Jesus wird auf den Mann aufmerksam, der da in den Ästen hockt. Er sieht ihn an und ruft etwas Merkwürdiges zu ihm hoch: „Zachäus ich möchte heute bei dir zu Hause Abendessen“. Zachäus freut sich riesig. Jesus hat ihn tatsächlich gesehen und möchte auch noch Zeit mit ihm verbringen.

Das Treffen mit Jesus hat viel in Zachäus bewirkt. Er hat danach sein ganzes Leben umgekrempelt. Und begonnen hat alles mit einem Blick. Jesus hat Zachäus wahrgenommen. Der eine, der von so vielen Menschen bewundert und gefeiert wird, hat sich dem Außenseiter zugewendet.

Die Geschichte von Jesus und Zachäus macht deutlich, dass es viel bewegen kann, wenn ich andere Menschen wahrnehme. Ich bin überzeugt, das sich etwas verändert, wenn Menschen gesehen werden. Bei mir und dem Kellner in meinem Lieblingscafé ist das auf jeden Fall so. Seit ich dort mit der Frage „Wie immer?“ begrüßt werde.

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