Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12MRZ2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manchmal reicht ein Klick – und wir glauben, wir wüssten Bescheid. Über Länder, über Konflikte, über Menschen. Ich dachte das auch über Israel. Seit dem 7. Oktober 2023 hat mich der Nahostkonflikt stark beschäftigt – vor allem in den sozialen Medien. Irgendwie habe ich mir dort aus der Ferne mein Bild gebastelt.

Und dann war ich dort: sieben Tage in Israel. Um biblische Orte zu besuchen – aber auch die Schauplätze des schrecklichen Angriffs vom 7. Oktober.

In Israel wurde mir sehr schnell klar: Es gibt ein Israel vor dem 7. Oktober – und eins danach. Wie tief dieser Angriff die Seele des Landes getroffen hat, hatte ich aus der Distanz niemals erfassen können. Im Gespräch mit Menschen habe ich das unmittelbar gespürt. Diese Menschen haben mir neue Perspektiven eröffnet und manches zurechtgerückt. Ich habe ein paar Antworten gefunden – und viele neue Fragen wieder mit nach Hause genommen.

Eine Begegnung hat sich mir besonders tief eingeprägt. Ganz im Norden von Israel habe ich die Eltern eines Mädchens namens Alma getroffen. Alma ist bei einem Raketenangriff auf einem Spielplatz ums Leben gekommen. Eine unfassbar schreckliche Katastrophe für Almas Familie.

Aber bei Almas Eltern war kein Hass zu spüren. Mich hat zutiefst beeindruckt, mit welcher Würde und mit welchem Respekt vor dem Leben ihre Eltern gesprochen haben. Da war ein Wille zu spüren, dem Hass nicht das letzte Wort zu lassen. Nicht im Schmerz hart zu werden, sondern weiter die Verbindung mit Menschen zu suchen. Über Grenzen hinweg.

Meine Sicht auf Israel hat sich durch diese Reise grundlegend verändert. Vollständig ist sie längst nicht. Ich lebe nicht in der Region. Und ich müsste mindestens auch mit Menschen im Westjordanland, im Gazastreifen, im Libanon oder in Syrien sprechen. Deshalb bewundere ich Israelis und Palästinenser, die trotz aller Gegensätze den Dialog nicht aufgeben und weiter an ein friedliches Miteinander glauben.

Mittlerweile habe ich mich aus den sozialen Medien zurückgezogen. In Israel habe ich gelernt: Das Leben ist so viel komplexer als schnelle Klicks.

Der jüdische Philosoph Martin Buber hat gesagt: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Begegnung mit vielen Fragen. Dem Willen, einander zuzuhören. Und vielleicht sogar mit dem Mut, innerlich in die Schuhe des Anderen zu schlüpfen.

So wie ich das bei Almas Eltern erlebt habe. Es scheint mir der einzige Weg, Brücken zu bauen. Und vielleicht – ganz leise – ein kleines Stück Frieden zu schaffen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44002
weiterlesen...