Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ich liebe diese Momente in Gesprächen, in denen es ehrlich wird. Momente, in denen jemand sagt, was wirklich da ist.
Mit Jens passiert genau das. Er lebt seit vielen Jahren mit einer psychischen Erkrankung. Wer ihn nur oberflächlich kennt, merkt davon vielleicht nichts. Aber im Gespräch zeigt er eine Ehrlichkeit, die mich jedes Mal berührt – und herausfordert.
Neulich sagt er zu mir: „Ich muss wissen, ob Gott einen Plan für mein Leben hat. Denn wenn er einen hat, dann ist dieser Plan ziemlich beschissen.“
Das ist ehrlich. Kein frommes Gerede. Keine Rücksicht auf religiöse Erwartungen. Ich höre seine Enttäuschung, seine Wut, seine Verzweiflung. Und während ich mit ihm leide, bewundere ich ihn für diese radikale Ehrlichkeit. Er tut nicht so, als wäre alles irgendwie schon gut. Er sagt: So fühlt es sich an.
Diese Ehrlichkeit finde ich auch in alten biblischen Texten, zum Beispiel beim Apostel Paulus. Er ist kein unerschütterlicher Glaubensheld, sondern ein Mensch, der ringt. Da gibt es etwas in seinem Leben, das ihm große Not macht. Drei Mal bittet er Gott, dass diese Not verschwindet. Ehrlich, beharrlich und ohne Beschönigung. Aber das erhoffte Wunder bleibt aus. Stattdessen bekommt Paulus eine Antwort, die irritiert:
„Meine Kraft ist in der Schwäche mächtig.“
Das klingt zunächst widersprüchlich. Gerade da, wo etwas nicht funktioniert? Wo wir scheitern, wo wir uns ohnmächtig fühlen? Genau dort soll Kraft liegen? Das widerspricht dem, was ich gelernt habe. Ich soll stark sein. Deshalb will ich Schwäche loswerden. Oder zumindest gut verstecken.
Oh, wie gerne würde ich hier öfter ein Wunder erleben. Beten - und die Schwäche ist weg. Jens und ich wissen beide, so einfach ist es nicht. Aber vielleicht gibt es hier auch ein anderes Wunder zu entdecken: die Ehrlichkeit, die eigene Schwäche nicht länger zu verdrängen. Schwäche anzunehmen – und darin Kraft zu finden.
Ein wenig spüre ich diese Kraft im Gespräch mit Jens. Seine Ehrlichkeit macht es mir leichter, selbst ehrlich zu sein. Sie befreit mich von meinem Versteckspiel. Und zugleich tut es Jens gut, mit seinen Fragen und Zweifeln nicht allein zu bleiben.
Zwei Menschen, die ehrlich reden, einander zuhören und Lasten teilen – das fühlt sich für mich an wie ein tragfähiger Plan. Und ich habe das Gefühl, dass auch Jens schon ein bisschen weniger sauer auf Gott ist.
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