Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Manchmal beginnt alles mit einem gestoßenen Zeh. War das jetzt Karma? Dieses alte, ziemlich eingängige Prinzip: Auf Gutes folgt Gutes, auf Schlechtes folgt Schlechtes. Eine Welt, die sich selbst ausgleicht. Früher hieß das bei mir zuhause:
„Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort.“
Heute bin ich älter und nicht mehr ganz so überzeugt. Denn das Leben hält sich erstaunlich selten an einfache Rechnungen. Menschen, die sich anständig verhalten, werden krank. Andere gehen rücksichtslos durchs Leben – und kommen scheinbar ungeschoren davon. Wenn es Karma gibt, dann arbeitet es ziemlich unzuverlässig.
Interessant finde ich: Diese Sehnsucht nach klaren Regeln ist alt. Schon vor zweitausend Jahren haben Menschen Jesus gefragt: Was müssen wir tun, damit Gott zufrieden ist? Was ist der richtige Weg? Welche Leistung zählt?
Die Frage dahinter ist vertraut: Sag mir, was ich tun soll – dann weiß ich, woran ich bin. Dann habe ich wenigstens ein bisschen Kontrolle. Die Antwort von Jesus ist überraschend unspektakulär. Kein Regelwerk, kein Maßnahmenkatalog. Stattdessen sagt er sinngemäß: Vertraut Gott. Glaubt an den, den er gesandt hat. An Jesus also.
Vertrauen statt Berechnung. Beziehung statt Punktesystem. Ein Gott, der sich nicht durch gutes Verhalten lenken lässt, sondern sich auf Beziehung einlässt. Das ist sperrig. Und ehrlich gesagt klingt das auch ein bisschen riskant. Aber genau darin liegt für mich die Stärke dieses Gedankens. Denn Vertrauen trägt nicht nur an den Tagen, an denen alles gut läuft. Sondern gerade dann, wenn nichts mehr aufgeht.
Wie nach meiner Schulter-Operation. Ich liege allein auf meinem Krankenlager. Die Gedanken kreisen mal wieder darum, warum es gerade mich getroffen hat. Plötzlich klingelt es an der Haustür. Über einen großen Obstkorb hinweg grinst mich ein Mann aus meiner Kirchengemeinde an. Kein großer Akt. Aber er kommt genau zur richtigen Zeit. Und irgendwie fühle ich mich in diesem Moment auch ein bisschen von Gott angelächelt.
Vielleicht geht es also weniger darum, ob Karma stimmt. Sondern um die Frage, ob wir es wagen zu vertrauen. Vertrauen darauf, dass wir nicht alles selbst ausbalancieren müssen. Dass wir getragen werden – nicht nach Leistung, sondern in Beziehung.
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