SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Auf manches Comeback könnte ich gut verzichten. Mir scheint es, dass seit einigen Jahren das Gesetz des Stärkeren so ein Comeback feiert. Manche nehmen sich, was sie wollen. Oder was ihnen nützt. Ohne Rücksprache, ohne Aushandlung – einfach, weil sie es können. Das verunsichert mich. Die Welt wirkt rauer, unberechenbarer und weniger verlässlich als noch vor einiger Zeit.
„Warum sind die Völker in Aufruhr geraten? Wozu schmieden die Nationen sinnlose Pläne? Die Könige der Welt erheben sich.“
So beginnt Psalm 2. Kein sanfter Text, kein beruhigendes Wort für zwischendurch. Eher ein Innehalten mit offenem Blick. Ein Text, der nicht beschönigt, sondern der benennt, was ist.
Schon die ersten Zeilen klingen erstaunlich gegenwärtig: Der Psalm spricht von Herrschenden, die sich zusammenschließen. Sie wollen jede Bindung loswerden. „Lasst uns ihre Fesseln zerreißen“, sagen sie. Gemeint ist eine Freiheit ohne Verantwortung. Ohne Rechenschaft. Ohne Maß.
Dann wechselt die Perspektive. Gott greift nicht sofort ein. Er droht nicht. Er lacht. Dieses Bild irritiert mich. Da sind diese machtgierigen Verantwortungsträger und Gott… lacht. Allerdings tut Gott das nicht aus Häme. Er hat eine größere Sicht. Weil menschliche Macht begrenzt ist. Weil sie sich oft überschätzt. Weil sie vergänglich bleibt – auch dann, wenn sie sich absolut setzt. Psalm 2 ist kein Text der Gewalt. Er ist eine Entlarvung.
Macht, die nur sich selbst dient, verliert den Blick für den Menschen. Für das Gemeinwohl. Für die Verantwortung gegenüber denen, die ihr anvertraut sind.
Mich begleitet dieser Psalm am Morgen. Nicht, weil er schnelle Antworten gibt. Sondern weil er daran erinnert: Die Welt hängt nicht allein an denen, die laut auftreten oder Stärke demonstrieren. Nicht an Drohungen, nicht an Inszenierungen, nicht an der Schlagzeile des Tages.
„Dient dem Herrn mit Furcht“, heißt es später. Das klingt ungewohnt. Vielleicht meint es aber etwas sehr Aktuelles: Macht braucht Haltung. Verantwortung braucht Demut. Entscheidungen brauchen das Bewusstsein für Grenzen – und für die Menschen, die davon betroffen sind.
Psalm 2 lädt ein, den Tag nicht mit Angst zu beginnen, sondern mit einem anderen Blick. Die letzte Wirklichkeit ist nicht das Chaos und nicht der Lärm. Sondern die Hoffnung, dass verantwortliches Handeln möglich ist. Mit Maß. Mit Zuversicht. Und für die Menschen.
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