Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Mein Mann und ich sind zu Besuch in Marburg. Es ist Februar. Es nieselt. Es ist kalt und ungemütlich. Wir gehen schnell, schauen kaum nach rechts und links. Die Hände in den Taschen, die Schultern hochgezogen, sind wir auf der Suche nach dem Café, in dem wir uns mit Freunden verabredet haben. An einer roten Ampel müssen wir stehen bleiben und warten. Ich schaue ungeduldig auf das rote Männchen und sehe darüber einen leuchtenden Schriftzug: Grün kommt!
Zwei Worte, die auf mich wirken. Was für eine Ansage! So bestimmt und ohne Wenn und Aber. Nicht: Wahrscheinlich wird es demnächst grün. Nur dieses Versprechen: Grün kommt!
Und dann wird es grün, das rote Männchen und die kurze Ansage erlöschen und wir können weitergehen. „Grün kommt!“ Dieser Satz begleitet mich weiter und zaubert mir an diesem kalten Februartag immer wieder ein Lächeln ins Gesicht und Hoffnung ins Herz. Ja, denke ich, das gilt nicht nur für den Straßenverkehr. „Grün kommt!“ Auch in der Natur. Es bleibt nicht Winter. Der Frühling kommt. Früher oder später. Nicht vielleicht. Er kommt ganz sicher.
Das Grün kommt oft leise, nicht mit Ansage, sondern wie aus dem Nichts ist es plötzlich da. Das sehe ich jetzt, einen Monat später, im März. Am einen Tag schaue ich aus dem Fenster und die Äste der Kastanienbäume vor unserem Haus sind noch braun und kahl, kein Lebenszeichen. Und am nächsten Tag entdecke ich, wie die ersten Knospen an den Ästen anschwellen: noch ganz klein, rundlich und harzig. Aber sie sind da. Und es wird weitergehen. Das Grün kommt!
Und mit Gott ist das genauso, denke ich. Er ist auch so eine Grünkraft. Oft ist er ganz leise unterwegs, fast unbemerkt, wie eine Knospe, die über Nacht aufgegangen ist. Und deshalb manchmal noch kaum zu erkennen. Aber er ist da. Nicht vielleicht, sondern verlässlich. Das Grün kommt!
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