SWR Kultur Wort zum Tag

12MRZ2026
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Seit einiger Zeit beobachte ich, dass zu Beerdigungen immer weniger Leute kommen. Klar, es gibt immer noch die prominenten oder die besonders tragischen Todesfälle, bei der die Trauerhalle aus allen Nähten platzt. Aber insgesamt geht der Trend nach unten, finde ich. Teilweise liegt das daran, dass viele Menschen im Alter einsam werden und mit immer weniger Leuten in Kontakt sind. Aber oft liegt es auch daran, dass alte Menschen den Angehörigen nicht zur Last fallen wollen – nur kein Aufwand, nur kein Wirbel um meine Person. Meist verbunden mit dem Wunsch, dass es eine Trauerfeier im kleinsten Kreis werden soll.

Ich finde es aber gerechtfertigt, zum Abschied noch mal etwas Wirbel zu veranstalten. Eine Beerdigung ist schließlich eine Feier, um jemanden zu verabschieden. Und da ist es doch traurig, wenn nur eine Handvoll Leute überhaupt davon wissen.

Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass es zum einen für die Angehörigen unheimlich tröstlich ist, wenn sie nochmal möglichst viele Gesichter sehen, die irgendwann im Leben des Verstorbenen mal eine Rolle gespielt haben. Auch wenn jemand in den letzten Jahren seines Lebens nicht mehr viel unterwegs war – das war ja nicht immer so. Verstorbene hatten auch ein Leben vor ihrer letzten Phase, und das war oft ganz lebendig: ein Familienmensch, der bei jeder Gelegenheit den Grill angeworfen hat, ein Hotelrezeptionist, der die Pianobar liebte, eine Sportlerin mit einem extra Zimmer für Medaillen und Pokale, eine Kaktuszüchterin, ein Büttenredner, eine Pilzsammlerin, ein Bademeister – da wird das pralle Leben abgebildet. Bei der Beerdigung dann aber der krasse Gegensatz: Kaum Leute, deprimierende Musik und eine Trauerhalle, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hat.

Sicher gibt es auch gute Gründe dafür, eine Beerdigung schlicht zu halten. Wenn es Konflikte in der Familie gab, oder wenn man einfach gerade keinen Kopf dafür hat.

Vor einiger Zeit habe ich eine tolle Beerdigung erlebt. Ein junger Mann war gestorben, die Kapelle war randvoll, und es lief Techno-Musik. Freunde haben vorne am Mikro von gemeinsamen Erlebnissen berichtet, und alle waren eingeladen, Karten an eine Wand zu hängen, auf die man eine Erinnerung schreiben konnte. Vier Freunde haben sogar den Sarg getragen. Am Grab wurde das Lieblingsgetränk des Verstorbenen getrunken – Whiskey-Cola. Es wurde aber auch geweint und gebetet.

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