SWR Kultur Wort zum Tag

04MRZ2026
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„Wieso kann ich nicht Patin sein, nur weil ich aus der Kirche ausgetreten bin?“ Diese Frage begegnet mir im Zusammenhang mit Taufen regelmäßig.

Ich erkläre dann, dass das Patenamt bei der Kindertaufe wichtig ist: Die Paten bekennen stellvertretend für das Kind ihren Glauben und versprechen, dem Täufling den Weg zu diesem Glauben zu ebnen. Viele tun sich mit dieser Antwort schwer, denn mit den landläufigen Vorstellungen von dem, was eine Patin sein soll, hat das oft wenig zu tun. „Ich kann doch auch ohne Kirchenmitgliedschaft die christlichen Werte weitergeben“, höre ich dann.

Manchmal komme ich mir dann kleinkariert vor. Trotzdem finde ich die Regelung sinnvoll: Ich bin überzeugt, dass Glaube Gemeinschaft braucht. Da ist einmal der reiche Schatz biblischer Geschichten und Denkweisen, die nur lebendig bleiben, wenn sie erzählt und ins Hier und Heute übertragen werden. Das andere ist: Glaube bedeutet Vertrauen. Wenn ich sage: „Ich glaube an“, dann heißt das so viel wie „Ich vertraue auf …“. Ohne Menschen, die dafür einstehen – wie soll ich da lernen, zu vertrauen? Wie der Glaube braucht auch der Zweifel Gemeinschaft. Wer glaubt, dem stellen sich immer wieder knifflige Fragen. Vertrauen und begründetes Misstrauen – Glaube und Zweifel – wenn ich mich damit auseinandersetzen will, brauche ich Menschen, die mich mitsamt meinen Fragen halten und aushalten.

Eine gute Formulierung für das, was mich beschäftigt, habe ich in der Gruppenanalyse nach S.H. Foulkes entdeckt. Sie geht davon aus, dass jeder Mensch in Gruppen sozialisiert wird: in der Familie und in der Gesellschaft. Wir finden uns immer schon in sozialen Netzwerken vor, die weit über den Einzelnen und über unsere Kleingruppen hinausreichen. Die Teilnehmer einer Gruppe bringen deshalb eine „Grundlagenmatrix“ mit, die sie im Blick auf Kultur und Werte prägt. Davon unterscheidet Foulkes die „dynamische Matrix“ einer Gruppe: das ist, was für die einzelnen erlebbar und – bewusst oder unbewusst – aktiv kommuniziert wird. Als Kirche prägen wir die Grundlagenmatrix unserer Gesellschaft in Kunst, Architektur, Literatur oder Werten. Wer Patin wird, geht darüber hinaus und sagt: Ja, ich lasse mich in die dynamische Matrix des Christentums hineinnehmen: Wenn ich einem Kind mit seinen religiösen Fragen begegne, dann ist das etwas zutiefst Lebendiges. Gemeinsam sind wir dann Teil eines weltweiten und über zweitausend Jahre hinwegreichenden Netzwerks: ein Kontenpunkt einer Kommunikation, verbunden mit vielen anderen.

So individuell wir auch sind: Christin sein – das kann keine für sich allein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43976
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