SWR Kultur Wort zum Tag

03MRZ2026
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Als Jugendliche habe ich Saxophon gespielt. Leider hat es zum Improvisieren nie wirklich gereicht. Dazu hätte ich mehr Tonleitern üben müssen und zumindest das Blues-Schema verinnerlichen. Erst wenn einem das so richtig in Fleisch und Blut übergegangen ist, entsteht ein Stück Freiheit, in der sich Neues entwickeln kann.

Improvisieren – ich habe den Eindruck: In unserer Gesellschaft ist diese Kunst gerade sehr gefragt. Die digitale Wende, die veränderten weltpolitischen Konstellationen – all das zwingt uns dazu, viel weniger nach Noten zu spielen als die Generationen vor uns. Auch in der Kirche ist das ein großes Thema: Wie können wir uns freispielen und inspirieren lassen, wenn die Grundakkorde – oder: -strukturen – nicht mehr klar sind?

Manchmal halten wir uns dann krampfhaft an den Noten fest – auch wenn das schon lange nicht mehr gut mit der Hintergrund-Musik zusammenpasst. Die hat sich in den letzten Jahren radikal verändert: Der Traditionsabbruch ist groß und eine religiöse Sozialisation eher die Ausnahme als die Regel.

Solche Situationen verunsichern und sie machen Angst. In der Kirche und auch sonst. „Du, Gott, stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Ich mag den Satz aus den Psalmen, weil er beides enthält: Grenzen und Freiheit, Akkorde und Melodie. In einer religiösen Weltsicht sind wir nicht „zur Freiheit verdammt“, wie Sartre einmal formuliert hat. Wir sind stattdessen in einen weiten Raum hineingestellt, den es zu gestalten gilt und der voller Möglichkeiten steckt. Zugleich ist dieser Raum begrenzt. Wir sind als Menschen nicht allmächtig, sondern auf andere angewiesen und von ihnen abhängig. Egal, ob wir mit ihnen einer Meinung sind oder nicht. Jeder hat Fähigkeiten, die er einbringen und mit denen er spielen kann – und Grenzen dessen, was für ihn persönlich möglich ist. Das zu spüren, ist manchmal schmerzhaft, aber es gibt eben auch Halt.

Wo in unserer Gesellschaft das Gefühl für unsere Grenzen und für tragende Strukturen abhandenkommt, werden wir ungehalten im wahrsten Sinne des Wortes. Mein Eindruck ist: Der Erfolg von Populisten aller Couleur – der hat auch etwas mit dieser großen Verunsicherung zu tun. Auf einmal sind die Tonarten nicht mehr klar – also kehrt man zu sehr einfachen Melodien zurück und wiederholt sie ohrwurmartig.

Vielleicht sollten wir die Möglichkeiten zur Improvisation mehr feiern. Dazu gehört viel Arbeit: das eigene Handwerkszeug beherrschen, gute Absprachen treffen – und hinhören. Dann können wir Neues entwickeln – uns an einem guten Sound freuen. Ich weiß aus Erfahrung: Die Mühe lohnt sich, wenn es am Ende gut klingen soll.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43975
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