SWR Kultur Wort zum Tag

02MRZ2026
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Wer sich fürs Klima einsetzt, der ist im Moment oft frustriert. Es ändert sich nichts, dabei ist der Klimawandel von einer eher abstrakten Theorie zu einer spürbaren Realität geworden. Kaputte Wälder, trockene Böden – wovor ich in der Grundschule Angst hatte, ist vielerorts längst eingetreten.

Wissenschaftler sagen: „Die nächsten zehn Jahre entscheiden darüber, ob die Erde für die Menschen langfristig bewohnbar bleibt oder nicht.“[1] Das wissen mehr oder weniger alle – aber wir kümmern uns erstaunlich wenig darum. Manchmal frage ich mich, ob die ganzen gesellschaftlichen Irrungen und Wirrungen, mit denen wir es gerade zu tun haben, so etwas wie kollektive Abwehr sind: Solange wir uns damit herumschlagen, müssen wir der eigentlichen Katastrophe nicht ins Auge sehen. Dabei klopft sie mehr als bloß zaghaft an unsere Tür.

Die Mannheimer Mittelalterforscherin Annette Kehnel fragt, wieso wir die notwendigen Veränderungsprozesse nicht endlich angehen. Sie bescheinigt den Menschen im Mittelalter eine wesentlich größere Transformationsbereitschaft als uns heute.[2]

Dabei entdeckt sie bei den Menschen des Mittelalters unter anderem eine religiöse Motivation für nachhaltiges Handeln. Sie sagt: Ähnlich wie heute im Blick auf den CO2-Ausstoß sind sich die Menschen damals bewusst gewesen, dass man nicht leben kann, ohne Schaden anzurichten. „Sünde“ war und ist das Wort dafür. Die Erfindung des Fegefeuers hat nun das eigene Heil mit dem der nachfolgenden Generationen verbunden: Die Enkelgeneration musste dafür beten oder Ablass erwerben, dass die eigene Seele aus dem Fegefeuer springt. Wohl dem, der sich gut mit den nachfolgenden Generationen gestellt hat: der die Seen nicht überfischt, den Wald nicht gerodet, die Lebensgrundlage nicht verdorben hat.

Nun will ich gewiss nicht die Höllenangst vorm Fegefeuer oder den Ablasshandel zurück. Aber der Gedanke, dass wir unser Seelenheil nicht denken können, ohne die Generationen nach uns in den Blick zu nehmen, der berührt mich.

Kehnels Gedankengang hat mir diesen Floh ins Ohr gesetzt: Dass ich endlich mehr tun will, um mich für eine lebenswerte Welt einzusetzen. Der Beginn der Fastenzeit ist lange schon vorbei. Und auf Schokolade zu verzichten, hat mir noch nie viel gegeben. Aber mich fürs Klima einsetzen – das ist zutiefst sinnvoll. Die Seite „klimafasten.de“ hat auch für fastenkritische Spätzünder wie mich wunderbare Anregungen. Vielleicht schauen Sie ja auch mal dort vorbei. Und sagen es noch einer anderen Person. Dann sind wir schon drei. Drei kleine Schritte – das wäre doch schon was.

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[1] Hirschhausen, Kirche! Tu was!, in: https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2023/53873/eckart-von-hirschhausen-ueber-klimaschutz-und-kirche#comments-list, vgl. dort auch zum Folgenden.

[2] Vgl. „Dunkles Mittelalter? Von wegen! So lebten wir 1224, WDR-Zeitzeichen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43974
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