SWR4 Abendgedanken

04MRZ2026
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Ich halte mich als Pfarrerin in Seelsorgegesprächen an die Schweigepflicht. Ich verrate, wie manche sagen: „kein Sterbenswörtchen“ und spreche nicht mit anderen über das, was man mir anvertraut hat. Dieses Wort „Sterbenswörtchen“ bedeutet ursprünglich etwas ganz Besonderes. Es ist ganz wörtlich das letzte Wort eines Sterbenden. Ein letzter Gedanke, eine letzte Botschaft.

„Ich habe alles gesagt.“
Diesen Satz hat eine sterbende Frau zu mir gesagt, kurz bevor sie am Abend desselben Tages gestorben ist.

Es war kein dramatischer Moment. Kein großes Pathos.
Nur ein leiser, klarer Satz – für mich war es ein Satz voller Trost und voller Frieden.

Viele Menschen tragen am Ende ihres Lebens noch etwas mit sich herum: Ungesagtes, Ungeklärtes, Unvergebenes. Manchmal ist es ein Dank, der nie ausgesprochen wurde. Manchmal ein Bedauern. Eine Schuld, die nicht vergeben wurde, ein Streit, der nie beendet wurde. Manchmal ein „Ich liebe dich“, das sich nie den Weg nach draußen getraut hat.

Diese Frau hat einiges aufgeschrieben, was ihr wichtig gewesen ist. Und hat mit anderen, auch mit mir, einiges besprochen. Und am Ende unseres Gesprächs fällt dieser Satz: „Ich habe alles gesagt.“ Das war ihr ganz persönliches „Sterbenswörtchen“.

In diesem Moment habe ich gespürt: Sie ist bereit.
Nicht, weil sie keine Angst mehr hatte vor dem Sterben.
Nicht, weil alles perfekt war.
Sondern, weil sie alles ausgesprochen hatte, was ihr wichtig war.

Ihr ganz persönliches „Sterbenswörtchen“ hat mich daran erinnert, wie wertvoll und heilsam Worte sein können.

Und ich überlege mir: Wie gut ist es, wenn wir nicht erst am Ende unseres Lebens solche „Sterbenswörtchen“ sagen; wenn wir im Leben sagen, was gesagt werden soll und was uns auf dem Herzen liegt.
Wenn wir Dank nicht aufschieben.
Wenn wir Versöhnung nicht vertagen.
Wenn wir Liebe nicht für selbstverständlich halten.

„Ich habe alles gesagt.“

Das Sterbenswörtchen dieser Frau hat mich ermutigt: Rechtzeitig zu sagen, was ich noch sagen will. Es ist kostbar und voller Segen für die, die gehen. Und für die, die bleiben.

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